Nachruf auf meinen Vater

Ein trauriger Anlass führt mich in meine alte Heimat. Ein Morgenlauf durch den Gramschatzer Wald macht den Kopf frei für das Gedenken an meinen Vater, der heute auf dem Rimparer Friedhof seine letzte Ruhe findet.
In Erinnerung an ihn:
Hans Neubert – Ein Nachruf
Nur einen Tag nach seinem 69. Geburtstag hat Hans Neubert die Leiden einer tückischen Erkrankung überwunden. Unser Ehemann, Vater, Opa, Onkel und Freund ist eingeschlafen in der Gewissheit und mit dem Stolz auf ein erfülltes Leben.

Hans Neubert hat Spuren hinterlassen. Er war ein Mensch, der sich nicht versteckte. Der – im festen Glauben an Gott – die Werte der christlichen Nächstenliebe schätzte und liebte. Und die Nächstenliebe ist es auch, die sein Leben und sein ehrenamtliches Wirken bestimmte.

Geboren wurde Hans Neubert am 18. Januar 1942 in Rimpar, als jüngstes der vier Kinder von Wilhelm und Emma Neubert. Als Kind und eifriger Messdiener liebäugelte er mit einer beruflichen Zukunft in Dienste der Kirche. Dass nach der Volksschule dann doch eine Lehre als Kraftfahrzeugmechaniker folgte, hatte sicher mit seiner sich stetig entwickelnden Vorliebe für praktische Tätigkeiten zu tun.

Im Wirtschaftswunderland der 60er Jahre boomte die Bauwirtschaft. Und gerade in Rimpar zog es viele junge Männer auf die vielen Baustellen in der Region. Auch Hans wollte hoch hinaus, im wörtlichen Sinne, als er sich 1961 zum Kranführer umschulen ließ und fortan aus der Kanzel in luftiger Höhe die Geschicke auf dem Bau steuerte. Was machte es da schon, dass der kleine Finger der rechten Hand wegen einer Unachtsamkeit an einem Transportband verloren ging. Für einen jungen Mann voller Energie war das lediglich eine Fußnote.

In dieser Zeit der Kraft lernte Hans auch Jutta Kania kennen. In Stift Haug in Würzburg läuteten am 7. Juni 1963 die Hochzeitsglocken, nachdem das junge Paar gemeinsam einige Bewährungsproben für ihre Liebe bestanden hatte.

Wenig später kündigte sich der erste Nachwuchs an. Das Glück schien perfekt, als ein schwerer Unfall viel Leid verursachte. Gevatter Tod klopfte bei Hans Neubert zum ersten Mal an, als der Kran umstürzte, in dessen Kanzel er  saß. Nur weil der Stahlkoloss eine Hauswand streifte und nicht ungebremst am Boden zerschellte, konnte der Mensch überleben. Viele Knochenbrüche, Intensivstation eine unverträgliche Bluttransfusion. Drei Monate lang kämpfte er im Sommer 1964 im Juliusspital in Würzburg um sein Leben und seine Gesundheit. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass er 46 Jahre später wieder für viele Wochen in dieses Krankenhaus zurückkehren musste und dort seine letzten Tage erleben sollte, menschenwürdig dank der liebevollen Pflege der Frauen und Männer, die auf der Palliativstation wirken.

1964 aber schaffte er die Rückkehr ins Leben. Er musste wieder stark werden für seine junge Frau und Tochter Marion, die am 20. September das Licht der Welt erblickte. Nur wenig mehr als ein Jahr später kam am 18. November 1965 Sohn Rainer zur Welt. Das dritte Kind, Thomas, folgte mit einigen Jahren Abstand am 17. Juni 1970.

In diesen fast sechs Jahren hatte Hans Neubert neue berufliche Herausforderungen gesucht und angenommen. So schulte er um zum Versicherungsagenten, bevor er 1969 als Bankangestellter im Außendienst seine berufliche Erfüllung fand.

Für seine Kinder waren es bleibende Erinnerungen, wenn sie in den Ferien an dem einen oder anderen Tag mit ihrem Vater auf Tour durch die Region fahren durften, der im Auftrag der Metzgerbank den Begriff Kundendienst mit Leben erfüllte. Und bis heute kann zumindest der älteste Sohn mühelos nahezu jeden deutschen Schlager aus den 60er und 70er Jahren rezitieren, die auf den langen Autotouren unablässig aus den Lautsprechern des Autoradios schallten.

Musik! Ein unverzichtbarer Bestandteil seines Lebens. Da war die Violine, die – nicht immer zur Begeisterung der Familienmitglieder – stets am Weihnachtsabend auf ihre Funktionstüchtigkeit geprüft wurde. Vor allem aber war da seine Tenorstimme, die ihn in vielen Gottesdiensten unüberhörbar werden ließ. Und wäre seine Jugend anders verlaufen, hätte er vielleicht das Fach des Sängers oder Dirigenten erlernt.

Aber sein Weg war ein anderer: So war er Gründungsmitglied der Musikkapelle, eine von vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten im Laufe dieses viel zu kurzen Lebens. Liederkranz und Kirchenchor, DJK, Arbeiterwohlfahrt, VdK, die Rimparer Karnevalsgesellschaft RiKaGe, der Sportverein 09 Würzburg und der Skiclub Höchberg. Auch die Wasserwacht konnte auf ihr Mitglied Hans Neubert zählen.

Sein besonders aktives Engagement galt aber dem Roten Kreuz. Bereits 1957 trat er dem Ortsverband Rimpar bei und wurde nach wenigen Jahren in verantwortliche Positionen berufen. So leitete Hans Neubert 18 Jahre lang die BRK-Kolonne Rimpar, zu der auch die Orte Güntersleben, Thüngersheim, Versbach und Veitshöchheim gehören. Auch an diese Zeit haben seine Kinder noch lebhafte Erinnerungen, durften sie doch in den von der Oma maßgeschneiderten Rot-Kreuz-Kinderuniformen bei so manchem Anlass die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Nächstenliebe prägte das Leben von Hans Neubert. Am eindrucksvollsten dokumentiert das die liebevolle Sorge um die behinderten Kinder in der Gemeinde. 1972 veranstaltete er gemeinsam mit seiner Frau erstmals eine Weihnachtsfeier für die damals noch wenig in die öffentliche Gemeinschaft integrierten Kinder mit schweren körperlichen oder geistigen Behinderungen und deren Familien. Es waren fröhliche Feiern mit Nikolausbesuch, die in den folgenden Jahrzehnten zur Tradition wurden. So wie die mächtigen selbstgebauten Krippen aus Baumwurzeln, die bei jeder Weihnachtstombola heiß begehrt waren. Bis 2008 organisierte Hans Neubert diese Feier, auch nachdem er seine Position als ehrenamtliche Führungskraft aufgegeben hatte. Aktive Hilfe als Rotkreuzler leistete er, solange es ihm gesundheitlich möglich war.

Der Freistaat Bayern, die Gemeinde Rimpar und das Rote Kreuz haben ihn für sein großes Engagement mehrfach ausgezeichnet.

Auch wegen der Spätfolgen seines Kranunfalls waren die letzten Jahre nicht einfach. Kaputte Gelenke und Gliederschmerzen hielten ihn aber nicht davon ab, auf vielen Wanderungen die Natur zu genießen. Der Campingplatz in Gemünden war ihm und seiner Frau eine Oase der Ruhe, eine Zuflucht, schon in Zeiten, als Mobiltelefone noch die Größe eines Notfallkoffers hatten. Und auch den Traum von Reisen mit dem Wohnmobil erfüllte er sich, nachdem er 2005 in den Unruhestand gewechselt war. Auch die Leidenschaft für das Sammeln von Briefmarken und Münzen durfte nun wieder aufleben.

Vor allem aber konnte er sich nun wieder mehr um das Haus kümmern, dass bei allem beruflichen und ehrenamtlichen Engagement stets der materielle Mittelpunkt seines Erwachsenenlebens war. Dass auch die Familien zweier seiner Kinder dort ihr Heim haben, war und ist ein Segen. Dennoch war das Zusammenleben unter einem Dach nicht immer einfach. Ein Lernprozess für alle. Wie wichtig der Vater auch in diesem Zusammenspiel von neun Menschen in dem Haus in Rimpar war, wurde erst schmerzhaft deutlich, als die bösartige Krankheit ALS ihn zunehmend einschränkte, ihm unwiederbringlich und fortschreitend alle Fähigkeiten raubte, die wir an ihm schätzten, oder gerade dadurch zu schätzen lernten.

Die ersten deutlichen Spuren seiner Erkrankung waren im Frühjahr 2010 zu spüren. Seitdem nahm die Lähmung ihren fortschreitenden Lauf. Im Herbst war ihm nur noch mühsam die Artikulation von kurzen Sätze möglich. Das Gehen wurde zur unsicheren Plage. Es folgte der Rollstuhl. Die Weihnachtstage 2010 erlebte Hans Neubert im Kreise seiner Familie, seiner Frau Jutta, seiner Tochter Marion mit ihrem Mann Peter und Enkelin Tina, seinem Sohn Rainer mit Ehefrau Karin und den Enkeln Jan und Leo, seinem Sohn Thomas mit Ehefrau Michaela dem Enkel Sven und Enkelin Sandra. Nun galt nur noch das geschriebene Wort. Zum letzten Mal erhob er sich mit viel Hilfe mühsam von seinem Krankenlager. Schon am 27. Dezember wurde er mit eigener Zustimmung in die Palliativstation 1 des Juliusspitals in Würzburg verlegt. Kein Schlucken mehr, auch die Hände versagten.

Hans Neubert wollte nicht leiden. Er wollte nicht künstlich am Leben erhalten werden. So hatte er es als Patient verfügt. Und so sollte es sein. 

Unser geliebter Ehemann, unser Vater, unser Opa ist am 19. Januar 2011 eingeschlafen.

Wir werden ihn nie vergessen!

4 Gedanken zu „Nachruf auf meinen Vater

  1. Ich möchte ein „Seiteneinsteiger“ in Ihre tiefe Trauer sein und möchte mich am Gebet für den lieben Verstorbenen beteiligen mit einem Wort von Dag Hammarskjöld : „Für das Vergangene Dank, für das Kommende Ja!“
    PS.: Ihr Nachruf ist in Größe und Würde und in der Reife vollkommen. Und so verbieten sich weitere Worte.

  2. Lieber „Seiteneinsteiger“

    Vielen Dank für die einfühlsamen Worte.

    Es war ein würdiger Abschied, der meinen Vater stolz gemacht hätte.

  3. Kann mich nur Breitengrad anschließend. Aufrichtiges Beileid, lieber Rainer. Das tut mir echt leid.

    Ich hoffe, und bin mir sicher, dass es deinem Dad nun besser geht, da oben im Himmel.

    Keep on running! MANU

  4. Hallo Manu,
    auch wenn es ein trauriger Anlass ist, so freue ich mich doch, dass du Gast in meinem Blog ist.
    Danke für die lieben Worte.

    Yes, we keep on running!

    Rainer

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