Salzgurken, gelbe Bändchen und Bestzeiten

Hier der versprochene Bericht vom Stockholm Marathon 2011:

Vor dem Startschuss

Brrrr – sind die salzig! Von den eingelegten Gurken, die beim Stockholm-Marathon gereicht werden, hatte ich schon viel gehört. Wie könnte ich dieses ungewöhnliche kulinarische Angebot ausschlagen?

Kilometer 21 liegt einige Minuten zurück. Die Hälfte der Gesamtdistanz ist also geschafft, als wir am höchsten Gebäude Stockholms vorbeilaufen. Der 155 Meter hohe Fernsehturm Kaknastornet mitten in den ausgedehnten Wiesen des Ladugardsgarten ist allerdings auch das hässlichste Gebäude der schwedischen Hauptstadt. So hässlich, dass die Salzgurken willkommene Ablenkung sind. Wenn da nur nicht der Geschmack wäre… Gut, dass der nächste Wasserstand nicht weit ist.

Fünf Freunde

Wir, das sind fünf Freunde vom Lauftreff des SV Olewig, die seit Monaten samstags Kilometer gesammelt haben, um bei der 33. Auflage des Stockholm-Marathons eine gute Figur machen zu können. Hunderte Kilometer sind dabei zusammengekommen. Es wäre eine interessante Zahl, die Trainingsdistanzen aller 16131 Läufer zu addieren, die sich an diesem windigen 28. Mai 2011 auf den weg gemacht haben. 15471 werden das Ziel erreichen. Aber bis es soweit ist, liegt der schwierigste Teil der Strecke noch vor ihnen – und vor uns.

So hilft es nur bedingt, dass der Tempomacher neben uns locker erzählt, dass er vor Kurzem ein Rennen über 189 Kilometer gefinisht hat. „Da musst du ständig essen, sonst fällst du spätestens nach sechs Stunden um“, plaudert er entspannt, während die Mehrzahl seiner Begleiter sich gerne auf das Zuhören beschränken. Das rote Fähnchen an dem ein Meter langen Stock, der aus seinem Rucksack ragt, trägt die Zahl 3:30. Drei Stunden und 30 Minuten – das ist das Zeitlimit, das sich wir drei schnelleren unseres Fünferteams zum ambitionierten Ziel gesetzt haben. Unsere Handgelenke zieren gelbe Bändchen, auf denen die dafür notwendigen Zwischenzeiten für jeden Kilometer notiert sind. 4:58 Minuten pro Kilometer. Die sind wir im Training oft und locker gelaufen. Aber das gleich 42,195-mal?

„Meinst du wirklich, wir schaffen das?“ Christoph, unser Lauftreffchef, war skeptisch, zumal er in der vielleicht wichtigsten Trainingsphase zwei Wochen wegen einer Erkältung aussetzen musste. Ich hatte ihn ebenso überredet wie Marcel. Der ist mit 35 Jahren zwar der ultrafitte Jungspund unserer Truppe. Marathonerfahrung hat er allerdings noch keine.

Laufstudie mit Christoph und Marcel

Viele der unzähligen Sehenswürdigkeiten können wir während dieses Laufs bewundern, sofern wir dafür noch aufnahmefähig sind. Und so ist es gar nicht schlecht, dass die 16 Kilometer, die durch bebautes Stadtgebiet führen, zweimal durchlaufen werden. Zumindest auf der ersten Runde hat der Körper noch nicht auf Tunnelblick umgestellt. Da nehme ich die Prachtstraße Strandvägen (Kilometer 4 und 29) mit seinen herrlichen klassizistischen Gebäuden ebenso wahr wie das königliche Schloss (5/30) und die Tausenden Zuschauer, die hier und an vielen anderen Stellen auf die Läufer warten. Euphorisch jubeln die Schweden zwar nicht. Dafür sorgen aber die Gäste aus Finnland, das vor Deutschland die größte Gruppe ausländischer Läufer stellt.

An der Schleuse (Slussen) geht es hinüber in den trendigen Stadtteil Södermalm (7/32), der spätestens seit der Millenium-Trilogie von Stieg Larsson weltbekannt ist. In der „Mellqvist Kaffebar“, dem Lieblingscafe des viel zu früh gestorbenen Schriftstellers werden wir am Tag nach dem Lauf entspannt eine Stärkung genießen. Nur einen Steinwurf davon entfernt – in der Bellmansgatan, steht das Wohnhaus der Millienium-Hauptfigur, Mikael Blomkvist.

Lieblingskaffee von Stieg Larsson

Bellmansgatan No. 1

Heute aber schweift mein Blick immer wieder zu meiner Laufuhr und dann auf das gelbe Band am rechten Handgelenk. „Wir sind gut dabei, drei Minuten unter der Sollzeit“, mache ich mir und meinen Mitstreitern Mut, die wir – zunehmend starren Blicks – längst in diesen besonderen Zustand mutiert sind, in dem die Beine das Denken übernehmen. Nachdem wir angesichts der sehr angenehmen 14 Grad zunächst nur jeden zweiten Verpflegungsstand angesteuert hatten, freuen wir uns nun über jeden Becher Wasser, über Bananen, Kraftriegel und Boullion-Suppe, die gereicht werden.

Auf der Brücke Västerbron

Kilometer 30. Wieder ein Stand, das Gedränge ist längst nicht mehr so diszipliniert wie auf der ersten Hälfte der Strecke. Christoph ist weg! „Marcell, ‘bisschen langsamer, sonst kommt der nicht mehr ‘ran“, bremse ich etwas. Aber unser Freund taucht nicht wieder auf. Er hat den „Mann mit dem Hammer“ getroffen, werden wir später erfahren. „Ab Kilometer 32 ging einfach nichts mehr“, wird er dann etwas übertreiben. Denn mit 3:32:30 Stunden verbessert er seine persönliche Bestzeit noch immer um mehr als 6 Minuten.

Auf Marcell und mich wartet derweil der Anstieg zur angeblich gefürchteten Västerbron (8/33) auf uns. Die etwa 1000 Meter lange Brücke mit prächtigem Ausblick auf die Stadt markiert den größten Höhenunterschied auf der immer wieder durch kleinere Rampen durchsetzten Strecke. Dass sie nur schwer mit der Autobahn des Berlin-Marathons verglichen werden kann, zeigt auch die Siegerzeit zeigen. Mit 2:14:07 Stunden ist der Äthiopier Shumi Gerbaba nahezu zehn Minuten langsamer sein als die Sieger der vergangenen Jahre in Deutschlands Hauptstadt. Für Normalsterbliche liegen solche Zeiten allerdings jenseits von gut und böse.

Das Stadthaus (11/36) ist zum zweiten Mal erreicht. Blick auf meine Garmin: 2:51:13 – danach auf das gelbe Bändchen: 2:53:50. Noch mehr als zwei Minuten unter Soll. Aber warum läuft Marcell jetzt so schnell? Klar. Vor uns läuft wieder so ein 3:30-Tempomacher. Aber der gehört doch zu dem vor uns gestarteten Block!!!

„Wie viel haben wir noch?“, fragt mein leichtfüßiger Partner und quittiert die Antwort mit einem endorphingeschwängerten Blick, als wäre er schon im Ziel. „Nur noch sieben? Die schaffe ich!“ Spricht’s und legt nochmal Tempo zu. „Muss das sein?“, meldet sich das Teufelchen auf meiner linken Schulter. „Versuch’s doch!“, lächelt das Engelchen auf der rechten angestrengt.

Also gut. Auch an diesem Tempoläufer vorbei. Die lange Gerade der Odengatan (14/39) scheint unendlich. Jetzt nehme auch ich den Weg durch den Wasservorhang der zur Kühlung aufgestellten Duschen. „Marcell, langsamer!“, könnte ich rufen, habe dazu aber keine Luft mehr. Aber diese Blöße würde ich mir eh nicht geben.

Zunehmend verliert sich das schwarze Shirt mit der Aufschrift des SV Olewig zwischen den Läufern vor mir. Rechts ab in die Svaevägan. Ist das ein Anstieg? Meine Beine spüren nichts mehr. Kilometer 41. Das Stadion! 4:30 zeigt meine Garmin als Tempo an. Fühlt sich mehr nach 6:30 an. Gleich ist es geschafft! Links ab, dann rechts, nochmal rechts ins Stadion. Die Massen brechen in Jubel aus, als ich leichtfüßig auf der schön roten Tartanbahn dem blauen Zielbogen entgegen schwebe…

Na gut. Die letzten 300 Meter in dem schönen Rund lassen Zeit für Tagträume. Noch ein Spurt? Nein! Genießen und ruhig auslaufen. Zeit gestoppt: 3:24:20 zeigt meine Garmin an. Wow! Abklatschen mit Marcel. Medaille annehmen. Nach innen hören. Krämpfe? Nein! Die Welt ist schön!!!

So sehen Sieger aus!

Wie sich herausstellt, ist meine Uhr die letzten beiden Kilometer vermutlich mit Marcel gelaufen. Denn die 24 Sekunden mehr, die offiziell für mich auf der Ergebnisliste notiert sind, hat er mir auf diesem Schlussstück abgenommen.

Eine Stunde später ist unsere Truppe wieder beisammen: Christoph hat sich von der ersten Bekanntschaft mit dem Hammermann wieder erholt. Achim gewinnt langsam wieder an Farbe und bekommt die Wadenkrämpfe in Griff.

Finisher: Jürgen und Achim

Und Jürgen zeigt das breiteste Grinsen überhaupt. Sein gelbes Bändchen ist mit der Zielzeit 4:00:00 bedruckt. 9 Sekunden ist er darunter geblieben. „Nach dem Ziel habe ich mich erst einmal übergeben“, berichtet er und strahlt dabei von einem Ohr zum anderen. Jetzt beginnt der entspannte Teil unseres Stockholm-Tripps.

10 Gedanken zu „Salzgurken, gelbe Bändchen und Bestzeiten

  1. Spannend, spannend und schön dein Bericht vom Stockholm-Marathon, der in mir Erinnerungen erweckt.

    Das hast du perfekt hin bekommen, sagte ich bereits, aber nur, weil wir zu Hause kräftig die Daumen gedrückt haben und weil du dich ein bisschen darauf vorbereitet hattest ! 😉

    Die Brücke – ach ja, die Brücken !!!

    Isses nicht schön, Sieger zu sein ? 8)

  2. Holla! Ein wirklich spannender und lebendiger Bericht, wie immer toll illustriert. In diesem Fall mit Bildern aus einer offenbar traumhaft schönen Stadt. Aber warum musstest du da so schnell durchrennen? 3:24, bei dem Gehetze sieht man doch nix! 😉

    Herzlichen Glückwunsch noch einmal – und weiterhin gute Erholung

    Anne

  3. Toller Bericht, schöne Bilder. Wie gewissenhaft ihr Euch vorbereitet habt mit den gelben Bändchen, Hut ab.

    Die frischen Temperaturen machen mich ja etwas neidisch, muß ich zugeben. Aber übergeben im Ziel möchte ich mich nicht, da lasse ich es doch lieber etwas ruhiger angehen.

    Nochmals herzlichen Glückwunsch
    Gruß aus Oldenburg
    Volker

  4. @Margitta
    Ja, Dein Daumendrücken hat geholfen 😉 … und ein bisschen Vorbereitung natürlich auch.
    Vor den Brücken hattest Du mich ja gewarnt. Aber sooo schlimm waren die gar nicht. Und das Gefühl am Ende eines langen Laufs ist wirklich eines der höchsten. Aber das kennst Du ja 🙂

    @Anne
    Manchmal muss man auch ein ehrgeziges Ziel verfolgen. Und wir hatten ja noch einen ganzen Tag, um ins das schöne Stockholm in aller Ruhe und bei tollem Fotowetter anzusehen. 😀
    Die Frage ist natürlich, ob ich während des Laufs bei langsamerem Tempo mehr gesehen hätte. Dann wäre die Meute der Läufer aber sicher größer gewesen und hätte mehr Aufmerksamkeit bedürft. Alles also im grünen Bereich.

    @Volker
    Danke für das Lob. Die gelben Bändchen gab es auf der Läufermesse am Vortag. Das war ein prima Hilfe. Wäre natürlich auch „von Hand“ gegangen. Das mit der totalen Erschöpfung im Ziel brauche ich auch nicht. Nun gibt es Leute, die würden angesichts dessen von uns sagen: Die haben noch Reserven. Gut so 8)

    Liebe Grüße
    Rainer

  5. Was soll ich sagen ich kenn da nur 2 Gefühle:
    Bewunderung und NEID!!!

    Und den Willen in nicht allzu ferner Zeit auch mal zu den Finishern zu gehören!!!
    Mich würde noch eine „Bewertung“ der Organisation + Stimmung der Veranstaltung interessieren, will sagen ist Stockholm ein Reise wert?!?
    evtl. verglichen mit anderen Stadtmarathons?

    VG
    Dirk
    (der morgen vormittag in Echternach endlich wieder laufen kann)

  6. Hallo Dirk,
    bitte keinen Neid. Du wirst das auch schaffen. Es lohnt sich in jedem Fall.
    Das Thema „Bewertung“ ist ein Gutes. Ich schreibe dazu etwas als neuen Blogeintrag.

    Viel Spaß und Erfolg in Echternach!

    Rainer

  7. No offense, aber man sollte vielleicht auch nicht ganz unterschlagen, dass schon die persönliche Bestzeit des Siegers Gerbaba mit 2:09.03 rund 5 Minuten über den Fabelzeiten von Berlin liegt ;o)

    „Trotzdem“ natürlich Glückwunsch zur tollen Leistung!

  8. Hallo Brüderchen. Glückwunsch zu dem tollen Bericht und deiner Laufzeit! Das Geschinde scheint sich ja gelohnt zu haben….

  9. @Fipps
    Da bist Du besser informiert als ich. Danke für die Ergänzung. Und natürlich danke für die Glückwünsche zu meinem persönlichen Weltrekord 😉

    @schwesterlein
    Dankeschön! Aber Du hast da etwas falsch verstanden. Die Vorbereitung war keine Schinderei. Das waren nur die letzten sieben Kilometer des Marathonlaufs. 😀

    Liebe Grüße
    Rainer

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