Eine Geschichte vom kältesten Marathon der Welt

Hier also der versprochene Texte zum Polar-Bear-Marathon. Er ist so auch im Trierischen Volksfreund erschienen.

IMG_1771819655306Bei  -41 Grad auf den Spuren der Eisbären

Sven Henkes aus Auw in der Vulkaneifel ist Sieger des Polar Bear Marathon 2013 – Ein Extremlauf im eisigen Norden Kanadas

Laufen bei -41 Grad – wie fühlt sich das an? Sven Henkes aus Auw in der Eifel kann Antworten auf diese Fragen geben. Als einziger Deutscher hat er am Polar-Bear-Marathon im Norden Kanadas teilgenommen – und gewonnen.

 

Oromont/Churchill. Die Erinnerungen an den härtesten Lauf seines Lebens sind bei Sven Henkes noch frisch: „Auf den letzten Kilometer hätte eine Eisbär direkt vor mir stehen können, ich hätte ihn nicht bemerkt“, sagt der 35jährige, „da war die Gesichtsmaske komplett steif gefroren. Und durch meine immer wieder zusammengefrorenen Augenlider konnte ich kaum mehr etwas sehen.“ Dennoch sei der einwöchige Sportausflug in den hohen Norden Kanadas unvergleichlich gewesen.

Die Idee für einen besonderen Lauf war Ende September nach dem Berlin-Marathon entstanden. „Da bin ich mit 2:58 Stunden eine persönliche Bestzeit gelaufen und habe mir vorgenommen, noch etwas Verrücktes zu machen.“ Internetrecherche. Den  Marathon im Bergwerk verwarf der früher bei der Spielgemeinschaft Auw/Ormont/Hallschlag in der Bezirksliga aktive Fußballspieler ebenso wie einen Extremlauf in Kambodscha und den Start im Himalaya. „Ich bin auf diesen Benefizlauf zugunsten der Eingeborenen an der Hudson Bay gestoßen, das passte am besten zu mir.“ Die Ehefrau, die ihn nach dem Umzug von der Schneifel nach Berlin vor knapp zehn Jahren für den Laufsport  begeisterte, hatte keine Einwände. Auch die fünfjährige Tochter nicht. Und so machte Sven Henkes den Startplatz klar, buchte die Flüge über Montreal und Winnipeck in das Städtchen Churchill, zu dem zwar keine Fernstraße führt. Deren Autofahrer aber oft ein Gewehr dabei haben, falls ein Eisbär auf üble Gedanken kommen sollte. Denn Churchill gilt als „Welthauptstadt“ der weißen Riesen, die hier in jedem Jahr im Oktober und November in Richtung Hudson Bay unterwegs sind, um auf dem Eis Robben zu jagen.

IMG_5290„Bei -15 Grad bin ich in Berlin ja schon gelaufen. Da hatte ich drei Lagen an. Bei -40 Grad ziehe ich mir eben fünf Lagen über“, lautete der Plan des Betriebswirts und Marketing-Experten – studiert hat er in Trier – für das Abenteuer im eisigen Norden. So lagen am Morgen des 19. November also mehr als 20 Ausrüstungsgegenstände bereit, als um 6 Uhr der Wecker einen besonderen Wettkampftag einläutete. „Schneller Kaffee, vier Scheiben Toast mit Marmelade. Check des Wetters. -41 Grad im Wind. Hossa! Letzter Check der Sachen, Anziehen und raus. Wow, das wird krass!“

Am Start stehen kurze Zeit später bei klirrender Kälte 14 vermummte Gestalten in der Morgendämmerung, die azurblauem Himmel verspricht. Die Stimmung unter den zwölf Kanadiern, dem Schweizer und dem Deutschen ist angespannt aber gut, als es in Dreierteams hinaus geht in die weiße Weite, begleitet jeweils von einem mit Proviant versehenen Fahrzeug. „Da lag auf jedem Beifahrersitz auch ein Gewehr. Das war schon witzig.“

IMG_5407Rückenwind. -26 Grad. Eine wunderbare Landschaft. Zeit, um sich gemeinsam mit dem Laufkollegen Phil nach Bären, Wölfen und anderen Tieren umzusehen. Eine Zeit von knapp unter vier Stunden im Blick. „Klar, es war super kalt und die Augenbrauen und Lider waren schnell vereist und eingefroren – aber es war absolut ok.“ Das sollte sich allerdings am Wendepunkt nach 21,1 Kilometer ändern: „Wir mussten nun genau gegen den Wind laufen und spürten nun schlagartig die enorme Kälte.“ Der Grund: Durch den Wind sinkt die „gefühlte Temperatur“ auf unter -40 Grad. „Das fühlt man direkt“, erinnert sich Henkes. „Einzelne Bereiche des Körpers beginnen zu schmerzen, es läuft sich ungleich schwerer und der Körper braucht viel mehr Energie für den Wärmehaushalt.“

Schon nach 500 Metern ist die Gesichtsmaske steif gefroren, macht den Blick zur Seite kaum mehr möglich. Die dem Wind ausgesetzten freien Hautstellen schmerzen zunehmend, insbesondere im Bereich der Augenbrauen. „Wir haben uns Kilometer um Kilometer vorangekämpft, jeden Hügel gespürt, den wir davor gar nicht wahrgenommen hatten.“ Immer wieder Essen und trinken. Endlich kommt der Flughafen in Sicht. Noch knapp sieben Kilometer.

IMG_5575Kein Gedanke an die Zeit. Vier Kilometer noch. Eine letzte Stärkung. „Da habe ich nochmal einen Kraftschub bekommen, Gas gegeben und bin schließlich als erster über die Ziellinie gelaufen.“ Nach 4:14 Stunden. In die Pranken eines Eisbären. Zum Glück nur die  der als Eisbär verkleideten Frau des Lauffreunds aus der Schweiz.

IMG_5618Auftauen und Warten auf die anderen Teilnehmer bei Kakao, Kuchen und einem Bier, natürlich nicht im Freien. „Es war eine sehr krasse Erfahrung. Die zweite Hälfte war mein härtester und schwierigster Lauf bisher. Der Stolz und die Freude, das geschafft zu haben, hat aber alles überwogen“, schwärmt der Mann aus der Schneifel auch drei  Wochen nach dem eisigen Erlebnis.

IMG_5590Er wundere sich ein wenig über die vielen Anfragen von Medien, die ihn nun erreichen, plaudert er am Telefon. Auch Ausrüster hätten schon angefragt und Unterstützung angeboten. Für das nächste Abenteuer.

IMG_5876„Kanada hat schon ein wenig Appetit gemacht, noch etwas Verrücktes anzugehen“, nach nun insgesamt 16 Marathons seit 2007. Was läge näher, nach dem kältesten Lauf der Welt den heißesten folgen zu lassen? Der Marathon des Sables in der marokkanischen Sahara führt an sieben Tagen über eine Gesamtstrecke von 230 Kilometern. 2015 will Sven Henkes das Extrem in der Wüste  suchen, dann bei weit über +40 Grad. Das sind 80 Grad mehr als beim Polar Bear Marathon. Auf Eisbären wird er dabei nicht achten müssen.

Extra: Polar Bear Marathon

Der Polar Bear Marathon gilt mit Lufttemperaturen unter -40 Grad als kältester Marathon der Welt. Der Benefizlauf in Churchill/Kanada fand in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. Er unterstützt Sportprogramme für die Eingeborenen im Tadoule Lake Reservate.

Die Strecke des Laufs kreuzt die Wege der Eisbären, die in jedem Oktober und November in die Hudson Bay ziehen, um über das Eis zu den Lebensräumen der Robben zu gelangen und zu jagen. Initiator des Polar Bear Marathons ist Albert Martens aus Steinbach bei Winnipeg gemeinsam mit der christlichen Organisation „Athletes in Action“.

Noch einige Fotos mehr im Laufportal

 

8 Gedanken zu „Eine Geschichte vom kältesten Marathon der Welt

  1. Da ist ja noch etwas Luft nach unten. Wurde nicht erst diese Tage irgendwo -93° gemessen? 😉

    Schon eine krasse Nummer. Mir aber immer noch symphatischer als über 40 ° +. Wie schön, dass ich nicht wählen muß 🙂

    Liebe Grüße
    Volker

    • Also wenn mich jemand zu so etwas einladen würde, könnte ich vermutlich nicht widerstehen. Aus eigenem Antrieb wäre mir das aber auch zu heftig. 😉

      Als lass uns lieber unsere eigenen Extreme erleben.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

  2. Wow – was für ein unglaublich faszinierender und inspirierender Artikel – es ist ja schon genial, was der Mensch alles schaffen kann! Vielen Dank fürs Teilen.

    Liebe Grüsse
    Ariana

    • Danke für das Kompliment, Ariana! 😀

      Vielleicht schreibst Du ja jetzt bald etwas darüber, wie sich Frostbeulen vermeiden lassen. 😉

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

  3. Irre! Ein sehr interessanter Artikel. Liest sich gemütlich im warmen Stübchen, aber diese Temperatur in der Realität laufend „genießen“ zu dürfen, war sicherlich krass. Meine tiefe Bewunderung für solch eine Leistung. Und wahrscheinlich liegen die Bären am Gebüsch und fragen sich, was denn da in die 2-Beiner gefahren ist…
    Liebe Grüße
    Elke

    • 😆 Das stelle ich mir jetzt gerade bildich vor, die Bären im Gebüsch, mit den Fragezeichen im Gesicht. 😆

      Ich freue mich, wenn Dir der Bericht gefällt.

      Liebe Grüße
      Rainer 😎

  4. Minus 26 Grad – und mit Windchill gefühlte minus 41. Klingt sehr kalt, da fehlt mir die Erfahrung, um mir das wirklich vorstellen zu können.
    Sind die Wimpern unter der Skibrille gefroren?

    • Ich vermute mal nicht. Habe ausschließlich Fotos gesehen, in denen Sven die Skibrille nicht vor den Augen hat.

      Tut mir leid, das habe ich ihn nicht gefragt.

      Viele Grüße
      Rainer 😎

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