Eine Geschichte vom kältesten Marathon der Welt

Hier also der versprochene Texte zum Polar-Bear-Marathon. Er ist so auch im Trierischen Volksfreund erschienen.

IMG_1771819655306Bei  -41 Grad auf den Spuren der Eisbären

Sven Henkes aus Auw in der Vulkaneifel ist Sieger des Polar Bear Marathon 2013 – Ein Extremlauf im eisigen Norden Kanadas

Laufen bei -41 Grad – wie fühlt sich das an? Sven Henkes aus Auw in der Eifel kann Antworten auf diese Fragen geben. Als einziger Deutscher hat er am Polar-Bear-Marathon im Norden Kanadas teilgenommen – und gewonnen.

 

Oromont/Churchill. Die Erinnerungen an den härtesten Lauf seines Lebens sind bei Sven Henkes noch frisch: „Auf den letzten Kilometer hätte eine Eisbär direkt vor mir stehen können, ich hätte ihn nicht bemerkt“, sagt der 35jährige, „da war die Gesichtsmaske komplett steif gefroren. Und durch meine immer wieder zusammengefrorenen Augenlider konnte ich kaum mehr etwas sehen.“ Dennoch sei der einwöchige Sportausflug in den hohen Norden Kanadas unvergleichlich gewesen.

Die Idee für einen besonderen Lauf war Ende September nach dem Berlin-Marathon entstanden. „Da bin ich mit 2:58 Stunden eine persönliche Bestzeit gelaufen und habe mir vorgenommen, noch etwas Verrücktes zu machen.“ Internetrecherche. Den  Marathon im Bergwerk verwarf der früher bei der Spielgemeinschaft Auw/Ormont/Hallschlag in der Bezirksliga aktive Fußballspieler ebenso wie einen Extremlauf in Kambodscha und den Start im Himalaya. „Ich bin auf diesen Benefizlauf zugunsten der Eingeborenen an der Hudson Bay gestoßen, das passte am besten zu mir.“ Die Ehefrau, die ihn nach dem Umzug von der Schneifel nach Berlin vor knapp zehn Jahren für den Laufsport  begeisterte, hatte keine Einwände. Auch die fünfjährige Tochter nicht. Und so machte Sven Henkes den Startplatz klar, buchte die Flüge über Montreal und Winnipeck in das Städtchen Churchill, zu dem zwar keine Fernstraße führt. Deren Autofahrer aber oft ein Gewehr dabei haben, falls ein Eisbär auf üble Gedanken kommen sollte. Denn Churchill gilt als „Welthauptstadt“ der weißen Riesen, die hier in jedem Jahr im Oktober und November in Richtung Hudson Bay unterwegs sind, um auf dem Eis Robben zu jagen.

IMG_5290„Bei -15 Grad bin ich in Berlin ja schon gelaufen. Da hatte ich drei Lagen an. Bei -40 Grad ziehe ich mir eben fünf Lagen über“, lautete der Plan des Betriebswirts und Marketing-Experten – studiert hat er in Trier – für das Abenteuer im eisigen Norden. So lagen am Morgen des 19. November also mehr als 20 Ausrüstungsgegenstände bereit, als um 6 Uhr der Wecker einen besonderen Wettkampftag einläutete. „Schneller Kaffee, vier Scheiben Toast mit Marmelade. Check des Wetters. -41 Grad im Wind. Hossa! Letzter Check der Sachen, Anziehen und raus. Wow, das wird krass!“

Am Start stehen kurze Zeit später bei klirrender Kälte 14 vermummte Gestalten in der Morgendämmerung, die azurblauem Himmel verspricht. Die Stimmung unter den zwölf Kanadiern, dem Schweizer und dem Deutschen ist angespannt aber gut, als es in Dreierteams hinaus geht in die weiße Weite, begleitet jeweils von einem mit Proviant versehenen Fahrzeug. „Da lag auf jedem Beifahrersitz auch ein Gewehr. Das war schon witzig.“

IMG_5407Rückenwind. -26 Grad. Eine wunderbare Landschaft. Zeit, um sich gemeinsam mit dem Laufkollegen Phil nach Bären, Wölfen und anderen Tieren umzusehen. Eine Zeit von knapp unter vier Stunden im Blick. „Klar, es war super kalt und die Augenbrauen und Lider waren schnell vereist und eingefroren – aber es war absolut ok.“ Das sollte sich allerdings am Wendepunkt nach 21,1 Kilometer ändern: „Wir mussten nun genau gegen den Wind laufen und spürten nun schlagartig die enorme Kälte.“ Der Grund: Durch den Wind sinkt die „gefühlte Temperatur“ auf unter -40 Grad. „Das fühlt man direkt“, erinnert sich Henkes. „Einzelne Bereiche des Körpers beginnen zu schmerzen, es läuft sich ungleich schwerer und der Körper braucht viel mehr Energie für den Wärmehaushalt.“

Schon nach 500 Metern ist die Gesichtsmaske steif gefroren, macht den Blick zur Seite kaum mehr möglich. Die dem Wind ausgesetzten freien Hautstellen schmerzen zunehmend, insbesondere im Bereich der Augenbrauen. „Wir haben uns Kilometer um Kilometer vorangekämpft, jeden Hügel gespürt, den wir davor gar nicht wahrgenommen hatten.“ Immer wieder Essen und trinken. Endlich kommt der Flughafen in Sicht. Noch knapp sieben Kilometer.

IMG_5575Kein Gedanke an die Zeit. Vier Kilometer noch. Eine letzte Stärkung. „Da habe ich nochmal einen Kraftschub bekommen, Gas gegeben und bin schließlich als erster über die Ziellinie gelaufen.“ Nach 4:14 Stunden. In die Pranken eines Eisbären. Zum Glück nur die  der als Eisbär verkleideten Frau des Lauffreunds aus der Schweiz.

IMG_5618Auftauen und Warten auf die anderen Teilnehmer bei Kakao, Kuchen und einem Bier, natürlich nicht im Freien. „Es war eine sehr krasse Erfahrung. Die zweite Hälfte war mein härtester und schwierigster Lauf bisher. Der Stolz und die Freude, das geschafft zu haben, hat aber alles überwogen“, schwärmt der Mann aus der Schneifel auch drei  Wochen nach dem eisigen Erlebnis.

IMG_5590Er wundere sich ein wenig über die vielen Anfragen von Medien, die ihn nun erreichen, plaudert er am Telefon. Auch Ausrüster hätten schon angefragt und Unterstützung angeboten. Für das nächste Abenteuer.

IMG_5876„Kanada hat schon ein wenig Appetit gemacht, noch etwas Verrücktes anzugehen“, nach nun insgesamt 16 Marathons seit 2007. Was läge näher, nach dem kältesten Lauf der Welt den heißesten folgen zu lassen? Der Marathon des Sables in der marokkanischen Sahara führt an sieben Tagen über eine Gesamtstrecke von 230 Kilometern. 2015 will Sven Henkes das Extrem in der Wüste  suchen, dann bei weit über +40 Grad. Das sind 80 Grad mehr als beim Polar Bear Marathon. Auf Eisbären wird er dabei nicht achten müssen.

Extra: Polar Bear Marathon

Der Polar Bear Marathon gilt mit Lufttemperaturen unter -40 Grad als kältester Marathon der Welt. Der Benefizlauf in Churchill/Kanada fand in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. Er unterstützt Sportprogramme für die Eingeborenen im Tadoule Lake Reservate.

Die Strecke des Laufs kreuzt die Wege der Eisbären, die in jedem Oktober und November in die Hudson Bay ziehen, um über das Eis zu den Lebensräumen der Robben zu gelangen und zu jagen. Initiator des Polar Bear Marathons ist Albert Martens aus Steinbach bei Winnipeg gemeinsam mit der christlichen Organisation „Athletes in Action“.

Noch einige Fotos mehr im Laufportal

 

Frust und Freude

Wenn der Postmann zweimal klingelt …

DSC03379Stimmt nicht ganz, denn als er den Brief aus Amsterdam mit den Anmeldeunterlagen für den Marathon am 20. Oktober in den Briefkasten geworfen hat, wurde die Klingel nicht betätigt. Das tut schon weh, das Ding in der Hand zu halten in dem Bewusstsein, nicht teilnehmen zu können. So muss mein Laufkumpel Christoph vermtlich alleine die sicher schöne Großrunde durch die schöne niederländische Stadt in Angriff nehmen. Also natürlich nicht alleine, aber  zumindest ohne Begleiter vom Lauftreff Olewig.

Wer die Startnummer 3241 haben will. Ich gebe sie gerne kostenlos ab. Es ist sogar ein Finishershirt dabei. Mail an r.neubert@volksfreund.de

DSC03383Am Nachmittag klingelte es dann tatsächlich an der Tür. Kein Postmann, aber ein netter Mensch von DHL mit einem Paket aus München unterm Arm. Der Inhalt: Testmaterial von keller-sports. Danke schon mal. Da habe ich ja in den nächsten Tagen etwas zu tun.

Ob der Mizuno Wave Ascend 8, die superleichte Adidas-Jacke und das dazu passende Adizero-Shirt taugen, werde ich berichten.

 

 

Erste Schritte

Das Wochenende mit einem heißen Tag werkeln an der Garagenfassade und einem angenehmen Sonntagsspaziergang bei leicht verregnetem Wetter am Sonntag verbracht. In Gedanken war ich natürlich auch bei den Freunden und dem Eifelmarathon.

Christoph hat in 4:02:29 den Marathon gefinisht.  Marcel benötigete für den zehn Kilometer längeren Ultra 4:54:54. Das wäre dann wohl auch meine Zeit gewesen … Herzlichen Glückwunsch!

Birthe Hilmes hat das Ding natürlich gerockt: Platz 1 bei den Frauen in 4:16:23. Eine Knallerzeit. Riesigen Glückwunsch, Birthe!

Und ich? Heute mit Spannung nach über eine Woche Pause der erste Laufversuch. Lockere 8 Kilometer mit ein wenig Lauf-ABC und Parkbank-Übung  garniert … Das hat gut funktioniert. Danach gekühlt und Voltarensalbe. Keine Schmerzen. Ich hoffe, es geht jetzt wieder aufwärts. Morgen ist aber erst einmal wieder Ruhe angesagt.

Da der Fotoupload hier mal wieder nicht funktioniert, gibt es die Bilder zu diesem Beitrag nur über diesen Umweg zu sehen:

Marathon mit Licht und Schatten

Philippides, die Finisher-Trophäe,  macht eine gute Figur, während ich doch noch etwas angestrengt meine Schritte setze. Die Auslaufrunde heute morgen nach dem Hochwald-Marathon gestern tut ganz schön weh. Aber das Laktat muss weg. Vor allem die Hüftbeuger mucken nach all den Höhenmetern.

Würde Waden- und Schienbeinmuskulatur mir wieder einen Strich durch die Rechnung  machen? Diese Frage hat mich vor dem Lauf doch mehr beschäftigt als mir lieb war.  Aber bis auf ein diskretes Ziehen in den Schienbeinen auf den letzten Metern des zweiten Wurzelwegaufstiegs zur Ruwerquelle war zum Glück nichts zu spüren. Zwei etwas gemäßigter gelaufene Kilometer, dann war dieser Anflug von Überlastung wieder verschwunden.

Mit Marcel am See im Kell.

Marcel war bald wieder eingeholt, ohne dass ich bewusst schneller gelaufen bin. Ich hatte ihm zuvor signalisiert, er solle sein Tempo laufen. Vielleicht hatte es mich ja auch mein Liebingslaufcoach Jens Nagel motiviert, der beim Halbmarathon startete und mich als genau auf dieser Passage mit aufmunternden Worten überholte. Auch Hans-Peter Rohden, der meinen Krampflauf im Jahr zuvor miterlebt hatte, glaubte mich in einer besseren Verfassung zu sehen. Er selbst konnte wegen einer Verletzung dieses Mal leider nicht laufen.

Schön und anspruchsvoll: Der Weg hinauf zur Ruwerquelle.

Oben angekommen, mache ich erst einmal langsamer.

Auf dem langen Anstieg zum Rösterkopf habe ich dann auch zu Birthe aufgeschlossen, die auf der ersten Hälfte der Strecke sehr flott unterwegs war. Als Favoritin für die Frauenwertung war sie an den Start gegangen. Aber wie es eben so ist, taucht dann überraschend noch jemand Stärkeres auf. In diesem Fall eine Läuferin aus Weimar, die mit ihren sehr starken Lauftreff-Freunden zu einer Marathonreise in den Hochwald gekommen war. Nahezu in jeder Wertung hatten die Gäste aus Weimar eine Platzierung.

Dass sie danach von dem Lauf schwärmten, lag aber auch an der landschaftlich tollen Strecke. Und die Befürchtung, dass es ein Hochnebellauf würde, hat sich auch bereits drei Kilometer nach dem Start zerschlagen, als die Sonne durchkam und den Wald verzauberte.

Mir gab das auch einen wichtigen „Kick“, war ich doch an diesem Tag nicht so locker wie sonst. So half das ein oder andere Schwätzchen mit anderen Startern, darunter einige ganz alte Hasen mit Dutzenden Marathons oder gar Ultras in den persönlichen Teilnehmerlisten.

Dass Marcel auf dem letzten Anstieg gehen musste, habe ich nicht wirklich ernst genommen. Im Ziel tat es mir ein wenig leid, nicht gewartet zu haben. Aber vermutlich wäre es mir dann auf den letzten sechs Kilometern noch übler gegangen. Die waren wirklich schwer, auch wenn ich vermutlich nochmal Tempo gemacht habe. Genau sagen kann ich das nicht, weil auf meiner Garmin der Speicher ausgerechnet da voll war.

Zielfoto mit Birthe – die Welt ist wieder in Ordnung.

Richtige Freude kam also erst wieder im Ziel auf, als ich eine Zeit unter 3:40 Stunden registriert habe. Vor einem Jahr war ich mit Krämpfen noch knapp über 4 Stunden geblieben. Birthe kam eine halbe Minute nach mir rein – meine Tempomacherqualitäten sind wohl noch ausbaufähig. Marcel hatte tatsächlich größere Probleme, war unterzuckert und musste auf den letzten sechs Kilometern alle Steigungen gehen. Dennoch war er superglücklich mit seiner Zeit unter 3:45 Stunden – und nicht sauer auf mich.

Meine Zeit: 3:37:59 Stunden – so verriet es die offizielle Ergebnisliste an der Wand der Hochwaldhalle. Platz 10. Eine Frau war schneller.

Jens auf Platz drei im Halbmarathon – Die Euphorie ist entsprechend groß.

Richtig schön wurde es dann noch im Anschluss, beim Plaudern mit Bekannten, Freunden und anderen netten Läuferinnen und Läufern.

Bericht, Fotos und Ergebnislisten gibt es natürlich auf dem Laufportal: www.volksfreund.de/laufen

Und nun? Keine Ziele mehr für den Rest des Jahres. Ich bin gespannt, wie lange ich das genießen kann.

 

 

Von der Mosel in den Hochwald

Zwei Tage Seminar an der Mosel. Gestern noch ein kleines Morgenläufchen bei Sonnenaufgang..

Gleich geht’s los zum Marathon im Hochwald. Nach zwei Wochen Extremtapering bin ich etwas nervös, wie das sein wird. Aber zumindest sind die Temperaturen nicht zu hoch.

Ihc nehme mal Lightweight und Trailschuhe mit. Nach dem Regen in der vergangenen Nacht könnte mehr Profil gefragt sein.

Drückt mir die Daumen. Ich werde berichten.

Angemeldet

Nun gibt es (fast) kein Zurück mehr. Die Anmeldung zum 3. Hochwald-Marathon in Schillingen ist gebucht. Ein toller Landschaftslauf, den die Spiridon-Läufer da auf die Beine gestellt haben

Ich kann das beurteilen, weil ich vor einem Jahr schon mal dabei war. Damals haben mir heftige Krämpfe allerdings den Genuss auf den letzten zehn Kilometern kräftig vermiest.

Seitdem trinke ich das sehr mineralhaltige Wasser vom Nürburgring und schlucke vor besonders schweißtreibenden Läufen Salztabeltten, um ein ähnliches Erlebnis dieser Art zu verhindern.

Eine Rechnung mit dem Hochwald-Marathon habe ich also noch offen. Und die wird am 22. September beglichen. Ganz bestimmt. Und dann hole ich mir schmerzfrei wieder ein kleines Drahtmännchen namens Phillipides.

Runter, rauf und noch einmal

Er ist einer der ältesten Marathonläufe überhaupt, habe ich mich belehren lassen. In einer Reihe mit den Legenden Rennsteiglauf und Bienwald- und Schwarzwald-Marathon steht der in Monschau. Die  bereits 36. Auflage sollte auch in diesem Jahr viele Laufverrückte in den landschaftlich grandiosen Teil des Naturparks Eifel locken, der an der Grenze zu Belgien nahtlos in das Hohe Venn übergeht.

Geliebäugelt hatte ich schon länger mit einem Start dort. Nachdem bei meinem ersten Landschaftsmarathon im vergangenen Jahr im Hochwald heftigste Wadenkrämpfe auf den letzten zehn Kilometern den Spaß vertrieben hatten, blieb doch einige Skepsis, als mir eine von meinem Laufcoach Jens überlassene Wildcard praktisch keine Wahl mehr ließ: Ich würde starten, zumal die Formkurve nach der intensiven Vorbereitung auf Hamburg noch nicht so dramatisch in den Keller gerauscht war. Aber würden die vergleichsweise wenigen Läufe im Juni und Juli für einen Kultlauf genügen, der damit wirbt, mit mehr als 800 Höhenmeter auf zu 60 Prozent  Waldwegen die Herzen der Läufer nicht nur höher, sondern auch schneller schlagen zu lassen?

Ein gemeinsamer Trainingslauf beim Lauftreff in Schweich bringt die Entscheidung. „Monschau, eine tolle Sache, da fahren wir auch hin.“ Diese Ansage von Lauf-Urgestein Wolfgang Deutsch und die Zusage, ich könne mich der Gruppe aus Schweich gerne anschließen lassen mir keine Wahl mehr. Monschau, ich komme!

Als ich am Sonntag mein Auto kurz vor 7 Uhr auf den vorletzten Platz der als Parkraum ausgewiesenen Rasenfläche hinter der großen Buchenhecke abstelle, steigen aus dem Van vor mir vier Herren in den roten Jacken des LT Schweich. Fest verabredet hatten wir uns nicht. Und wir waren auch unterschiedliche Umwege durch die Eifel gefahren, die gefühlt zur Hälfte wegen Baustellen  auf seiner wichtigsten Verbindungsstraße gesperrt ist.

Großes Hallo mit Wolfgang, Uli, Heinz und Jobst. Als 50er-Team wollen sie im September den Jungfrau-Marathon finishen. Monschau soll so etwas wie ein Trainingslauf sein. „Wir laufen entspannt“, lautet dann auch die von Wolfgang ausgegebene Devise. „Ist mir recht“, versichere ich. Schließlich wolle ich die Landschaft genießen und keine Krämpfe bekommen.

Zwei mit reichlich Flüssigkeit geschluckte Salztabletten, eine vier Stunden vor dem Start, die zweite um 7.30 Uhr, nach dem Überziehen der Kompressionsstrümpfe und dem Befestigen der Startnummer am inzwischen reichlich ausgeleierten Gummiband. Es ist die „500“, eine schöne Nummer, wie mir bei der Übergabe auch die nette Dame vom TV Konzen versichert hat. Das schwarze Funktionsshirt mit dem Monschau-Branding bekomme ich auch noch. Dafür stehe ich gerne einmal für Jens‘ Team GetFit auf der Ergebnisliste. Hoffentlich.

Um 7.50 Uhr setzt sich der Läufertross in Bewegung. Zunächst im Schritttempo, denn in Monschau, genauer im Stadtteil Konzen hat es Tradition, dass die Teilnehmer gemeinsam von der Ortsmitte zum Start gehen. Knapp 200 Männer und Frauen haben das bereits zwei Stunden früher hinter sich gebracht. Es sind jene Furchtlosen, die in diesem Jahr den zum ersten Mal ausgerichteten Ultralauf über 56 Kilometer bestehen wollen.

Am Start treffe ich auch die zwischenzeitlich verlorenen Schweicher wieder. Wolfgang ist mit seinen knapp zwei Metern Körpergröße zum Glück schwer zu übersehen. „Da kommen die letzten vier Ultraläufer von ihrer Zwölf-Kilometer-Schleife“, kündigt der angesichts des Prachtwetters gut gelaunte Sprecher am Mikrophon an. Sonne, kurz vor 7 Uhr ebenso viele Plusgrade. Weder Schwüle noch zu große Hitze wird heute ein Problem sein.  Dann geht es los.

In gemächlichem Tempo trabt das Hauptfeld los, in das wir uns eingereiht haben. 507 Marathonläufer werden am Ende das Ziel erreicht haben, 424 Männer und 83 Frauen. Zudem sind sage und schreibe 98  Staffeln am Start. Weit mehr als 1200 Sportler werden diesen Sonntag also in bleibender Erinnerung behalten.

Zunächst geht es steil hinunter auf einem schmalen Pfad in Richtung Monschau. „Hier war es vergangenes Jahr verdammt glatt“, weiß Wolfgang.  „Da hat es die ganze Zeit geregnet.“

Rutschig ist heute nichts, aber Vorsicht ist dennoch angesichts der unebenen Strecke geboten. Mein langer Laufpartner erkennt einen Bekannten aus Köln. Er will an diesem Tag seinen 60. Marathon bewältigen. „In 4:17 Stunden, die Zeit fehlt mir noch“, erzählt er und deutet auf sein Shirt, auf dem er mit Edding die 59 Endzeiten seiner bisherigen Läufe fein säuberlich notiert hat. Die erste Zahl lautet 3:06 Stunden. Ok, denke ich, der kann also auch deutlich schneller.Bei diesem Tempo bleibt in dem beschaulichen Städtchen Monschau genügend Zeit, die schönen Häuser zu betrachten. Eine Burg gibt es hier. Und spätestens seit auch ein Eifelkrimi von Jaques Berndorf Mord und Totschlag in die 1700-Einwohner-Gemeinde brachte, ist das Städtchen an der Rur auch über die Region hinaus berühmt.

An dem erfrischend plätschernden Flüsschen entlang geht es bis zur idyllisch gelegenen Kluckbachbrücke, wo der erste von zahlreichen Verpflegungsstellen mit allerlei Stärkungen in flüssiger und fester Form wartet.  „So eine Schweinerei!“ empört sich eine Läuferin, als der Mann vor ihr den leeren Plastikbecher von der Brücke in hohem Bogen in den Flusswirft, wo er sich einigen munter auf den Wellen schaukelnden Artgenossen anschließt. Recht hat sie!

Die Erfrischung kam zum richtigen Zeitpunkt, die Erleichterung auch, denn nun geht es zum ersten Mal steiler bergauf. Aus den Augenwinkeln glaubte ich die anderen Schweicher zu erkennen, als sie an uns vorbeiliefen. Ein toller Pfad in herrlicher Umgebung. Ich lasse Wolfgang beim zügigen Berglauf den Vortritt und sehe seinen Fehltritt. Autsch! Umgeknickt. Aber nach Schrecksekunde und zwei Dutzend vorsichtiger Schritte gibt er Entwarnung: „Glück gehabt, da  ist nichts passiert“, und erzählt von seiner schweren Verletzung am anderen Fuß im vergangenen Jahr. „Da ist die Sehne wieder zusammengewachsen. Die reißt nicht mehr…“

Als wir an der Köhlerklause vorbeikommen, einer schönen Campier- und Rastmöglichkeit für Naturliebhaber, muss ich eingestehen, dass ich mich mit den Laufkollegen aus Schweich wohl vertan habe. Und in der Tat werden wir sie erst wieder nach dem Zieleinlauf sehen. Aber es wird heute nicht die letzte Verwechslung gewesen sein.

Bei Kilometer zehn laufen wir durch ein Dorf. „Wo sind wir hier?“, rufe ich einem Zuschauer zu. „Na im wunderschönen Widdau“, kommt die Antwort. Dort, wo die Staffeln erstmals wechseln. Wieder gibt es Verpflegung, von freundlichen Menschen gereicht, wie überall an der Strecke. In jedem Ort feuern die Einheimischen uns Läufer an, bieten Getränke, Riegel, Obst. Sie haben Plakate gemalt, erwidern jeden Gruß, haben aufbauende Sprüche für alle, die scheinbar oder tatsächlich in einer Schwächephase stecken.

Die haben fast alle beim zwei Kilometer langen Anstieg im Hölderbachtal. Hier wird auch niemand schief angeschaut, wenn er einige Meter geht – was für mich allerdings nicht in Frage kommt – noch nicht.

Und so geht es weiter: mal rauch, mal runter, dazwischen immer wieder flach entlang. Im Wald, auf Wiesenwegen. Die Kühe am Rande haben sich ebenso wie die Läufer zu Rudeln geschart. Auf der Höhe zum Brather Hof bläst der Wind kräftig. Die mächtigen Rotoren, die hier Energie gewinnen, stehen an der richtigen Stelle. Kurz nach Überquerung der B258 ist die erste Hälfte geschafft. Und wieder machen am Übergabepunkt der Staffeln die Menschen den Weg zu einer schmalen Gasse der Motivation.

Zwei Stunden und drei Minuten zeigt die Uhr an. „Jetzt laufen wir etwas zügiger“, schlägt mein Partner vor. „Unter vier Stunden will ich schon ins Ziel kommen.“ Ich habe keine Einwände, zumal es nun erst einmal längere Zeit eher bergab geht. „4:20“, gebe ich nach einem Kilometer das aktuelle Tempo weiter. Die zuvor lebhafte Unterhaltung stockt nun etwas. Vor allem wenn es den Berg hinunter geht, ist Walter mit seinen langen Beinen klar im Vorteil. Ich muss gefühlt mindestens doppelt so viele Schritte machen wie er. „Läufst Du jetzt auf drei Stunden 30?“, frage ich etwas stockend. „Oh, Du hast recht, wir müssen etwas Tempo herausnehmen“, kommt zur Antwort. „Wenn man die Leute überholt, ist es irgendwie wie ein Rausch, da muss man aufpassen“, spricht’s und läuft fortan nur noch 4:30 Minuten/Kilometer.

Ich lasse es locker bergab laufen und merke bald, dass ich am Berg relativ leicht wieder aufschließen kann. Wir überholen die Tempoläufer für 4:00 Stunden. Der Untergrund wechselt nun auf Asphalt. Das kommt dem Tempo entgegen.

Bei Kilometer 29 ist Kalterherberg erreicht. Ein Straßendorf von außergewöhnlicher Länge. 2400 Menschen leben hier. Die meisten haben sich heute wohl vor der großen neugotischen Dorfkirche mit dem Doppelturm versammelt, die eher einem Dom gleicht. Hier stehen sie Spalier für den dritten Staffelwechsel. Die anderen haben sich davor und dahinter auf mehreren hundert Metern verteilt, jeder Zweite mit einem  Bauchladen voller Energieriegel, Obst und Getränke. Ich greife zu und verschlucke mich prompt mächtig, weil ich so viel Kohlensäure nicht erwartet hatte.

Egal. Die Stimmung ist prächtig, als wir uns nach links in die Hecken schlagen. Wir laufen nun in unmittelbarer Nähe zur Grenze nach Belgien. Hier heißt die Eifel Hohes Venn. Eine idyllische Landschaft. Der kleine Fluss am Wegesrand ist wieder die Rur. Unter dem Viadukt der ehemaligen Vennbahn hindurch beginnt bei dem geschlossen wirkenden Gasthaus Leyloch ein langer Anstieg auf Asphalt. „Vor einem Jahr hat uns hier der Wirt mit warmen Getränken begrüßt“, erzählt Wolfgang. Vielleicht ist es ja derselbe Mann, der nun hinter dem Haus auf dem geschnittenen Stammholz sitzt und uns freundlich zuwinkt. Wir freuen uns derweil, dass die Distanz unserer Reststrecke nur noch der einer kürzeren Trainingseinheit entspricht.

Die Strecke auf der Straße, mit ihren langgezogenen Kurven, Anstiegen und Gefällen erinnert mich sehr an einen anderen Lauf in der Eifel: den Nürburgringlauf. Auch in Monschau hat diese Passage zwischen Kilometer 34 und 38 etwas von „grüner Hölle“. Die Beine sind nun ordentlich schwer. Ein leichtes Ziehen in den Oberschenkeln. Die Waden machen keine Probleme, registriere ich beruhigt. Der berüchtigte Hammermann, der einem angeblich mit einem Schlag alle verbleibenden Kräfte raubt, ist aber nicht zu sehen. Vielleicht verhindern dies auch die begeisterten Menschen in Mützenich, die über der Strecke ein großes Zelt errichtet haben, durch das die Läufer hindurch müssen, nicht ohne es ohne Stärkung verlassen zu haben. „Keine Sorge, einer ist noch hinter Dir!“, ist auf einem Plakat zu lesen. Ich muss schmunzeln. Die meisten Läufer werden diese Ironie wohl verkraften.

Am Ende komme noch ein Anstieg an dem sich zeige, wer noch Körner habe. So hatte mein erfahrener Mehrfach-Monschau-Finisher gewarnt. Na gut, denke ich mir, dann lasse ich es bis dahin eben laufen. Zumal es wieder bergab geht. Wolfgang bleibt nun etwas zurück. Aber ich werde auf ihn warten.

Dann biegen wir von der Straße wieder links auf einen schönen Naturpfad ab – und da ist er, der berüchtigte Schlussanstieg nach Konzen. Ich nehme Tempo heraus und meinen Partner im Ärmellosen roten Shirt wahr. Er läuft nur 50 Meter hinter mir. Der Kirchturm des Ortes kommt in Sicht, die Stimme des Sprechers zu hören. Wie beim Start versprochen, begrüßt er offenbar jeden einzelnen Läufer mit dem Namen.

Wo ist Wolfgang? Ich nehme nochmal Tempo heraus, trabe, sehe das Ziel, gebe ihm einen ermutigenden Wink, lasse ihn herankommen. Hand in Hand laufen wir unter dem Zielbogen hindurch, erhalten unsere Medaillen. Ich blicke strahlend auf, sehe den Mann, der sich herzlich dafür bedankt, dass ich ihn am Berg so hochgezogen habe. Dann erkenne ich Wolfgang. Er kommt jetzt ins Ziel. Wir klatschen uns ab. „Ich habe auf dem letzten Gefälle meinen Ischias gespürt und musste Tempo herausnehmen“, sagt er und versichert, dass er mir nicht böse ist, weil ich nicht gewartet habe. Ich versuche ihm das mit der Verwechslung zu erklären. Egal. Wir sind beide glücklich. 3:48:10 Stunden wird meine offizielle Nettozeit sein. Wolfgang ist nur fünf Sekunden langsamer.

Mit Obst, Cola und Tee warten wir auf die drei anderen Schweicher. Der Jungfrau-Marathon wird für sie sicher kein großes Problem. Vielleicht, nein, bestimmt laufe ich den irgendwann auch einmal.

Ergebnisse:

  1. Männer:             Markus Werker (TV Konzen)                     2:38:57
  2. Frauen:               Christina Ortmanns (Team coolart)         3:23:49

Läufer aus der Region Trier:

Rainer Neubert (Team getFit)           3:48:10

Wolfgang Deutsch (LT Schweich)     3:48:15

Uli Schabio (LT Schweich)                    3:58:52

Heinz Grundheber (LT Schweich)    4:00:28

Jobst Scherler (LT Schweich)             4:35:28

Thomas König (LT Mertesdorf)         6:20:50

Das Laktat muss raus. Am Tag danach tut’s zwar weh. Es hilft aber.

 

Jetzt ist es amtlich

Monschau ruft, jetzt ist es amtlich. Ich bin für den Landschaftsmarathon am kommenden Sonntag angemeldet, der zu den schönsten in Deutschland gehören soll. Zudem ist er einer der traditionsreichsten im Land.

750 Höhenmeter warten. Ich bin gespannt, wie sich das nach diesem eher lockeren Training anfühlen wird. Strecken mit anspruchsvollem Profil bin ich ja reichlich gelaufen in den vergangenen Wochen. Richtig lange Kanten habe ich allerdings wenige dabei. Aber das war im Frühjahr auch so, als es um eine schnelle Zeit ging.

Die wird in Monschau in jedem Fall Nebensache sein. Es soll ein Genusslauf werden. Noch nicht klar ist, ob ich einen Tag früher anreise, oder in der Nacht vor dem Start. Knapp zwei Stunden muss ich dafür wohl einplanen.

In dieser Woche ist jedenfalls Tapering angesagt. Deshalb heute Morgen kein Lauf, sondern 40 Minuten auf Gymnastikmatte und Balancepad.  Denn ein starker Lauf ist nur möglich mit einem starken Rücken. Das gilt auch für Monschau.

http://www.monschau-marathon.de/

Das Maß der Dinge

Der „Normalläufer“ träumt davon, diese Distanz einmal zu bewältigen. Sein etwas ambitionierterer Sportkollege will sie in weniger als 60 Minuten schaffen. Als Schallmauer gilt die 40-Minuten-Marke für die Meisten. Die Rede ist von der Zehn-Kkilometer-Distanz.
Der „10er“ ist das Maß der Dinge. Er ist unbeliebt, weil lang, bei den Sprintern. Er ist verhasst, weil kurz und anstrengend, bei den Marathonis.

 
Aber auch die wissen, dass ein schneller 10er die Basis ist für eine gute Zeit über 21 oder 42 Kilometer. Jedes gute Training baut darauf auf: Wie lange kann ich ein möglichst hohes Tempo halten? Als Maßstab gilt die Bestzeit über zehn Kilometer.

 
So ist es kein Wunder, dass im Laufkalender die Wettkämpfe über diese Distanz in der Mehrzahl sind und über reichlich Teilnehmer verfügen. Die Bitcup-Laufserie zeigt zudem, wo der Top-Sponsor unserer Region sein Label sehen will, wenn es um den Laufsport geht.

 
Im Ländchen ist die Brauerei aus der Eifel weniger aktiv. So gibt es heute in Echternach beim „Run for Fun“ das bei Marathonis beliebte alkoholfreie Lieblingsbier eines Mitbewerbers, auch wenn der Lauf „nur“ über zehn Kilometer führt.
Das liegt wiederum daran, dass auf dem Kirchberg am Samstag der Luxemburg-Marathon startet. Vielleicht wird der ein oder andere der insgesamt 10?000 gemeldeten Teilnehmer ja die Veranstaltung in Echternach wörtlich nehmen und „nur zum Spaß“ als letzen Trainingslauf vor dem großen Rennen nutzen.

Fauja Singh ist weise und wird sich das vermutlich sparen. Dem mit 101 Jahren betagtesten Marathonfinisher der Welt werden die 42,195 Kilometer am Wochenende genügen. Aber auf eine gute Zeit kommt es bei ihm eh nicht an. Er wird so oder so Weltrekord laufen.

laufen@volksfreund.de

Tschakka!

Noch wirkt das Wochenende in Hamburg nach. Klar, dass auch in der neuen Laufkolumne, die heute im Trierischen Volksfreund erschienen ist, der erfolgreich gefinishte Marathon ein Thema ist:

Experiment beendet: Tschakka!

Kann ein mehrwöchiges diszipliniertes Training zu neuen Bestleistungen führen? Diese Frage kann ich nach Beendigung des Experiments Hamburg-Marathon nun eindeutig beantworten: Ja! Das funktioniert, auch für bisherige Gelegenheits- und Hobbysportler im fortgeschrittenen Alter.
Endlich darf ich mich einmal damit brüsten, wovon ich schon als Jugendlicher vergeblich geträumt hatte: Ich war der beste Teilnehmer aus der Region. Na gut, eine Frau von hier war noch elf Minuten schneller. Aber da Anja Lamberty inzwischen aus der Eifel nach Köln gezogen ist, zählt das nicht wirklich.
Für meine 3:08:52 Stunden – dieses Zahlen stehen seit Sonntag für die Ewigkeit eingraviert auf meiner Medaille – habe ich gelitten, nicht nur auf den letzten sieben der 42,195 Kilometer.
Es begann vor 13 Wochen, als mir mein Laufcoach den ersten Trainingsplan geschrieben hat: Intervall- und Tempodauerläufe zu früher Morgenstunde bei -15 Grad. Danach wurde es morgens zwar heller und etwas wärmer, die wöchentlichen Trainingseinheiten allerdings auch intensiver und ergänzt durch allerlei Übungen zur Verbesserung von Muskelkraft, Lauftechnik und Koordination, oft im Regen. Noch vor einer Woche hatte mein schmerzender Körper signalisiert, dass es reicht. Am Sonntag liefen die Beine dann aber fast wie von selbst das immer wieder erprobte Tempo – bis ins Ziel. Tschakka!
Und jetzt? Ich starte ein neues Experiment: Wie bekämpfe ich Muskelkater am effektivsten?