Eine Geschichte vom kältesten Marathon der Welt

Hier also der versprochene Texte zum Polar-Bear-Marathon. Er ist so auch im Trierischen Volksfreund erschienen.

IMG_1771819655306Bei  -41 Grad auf den Spuren der Eisbären

Sven Henkes aus Auw in der Vulkaneifel ist Sieger des Polar Bear Marathon 2013 – Ein Extremlauf im eisigen Norden Kanadas

Laufen bei -41 Grad – wie fühlt sich das an? Sven Henkes aus Auw in der Eifel kann Antworten auf diese Fragen geben. Als einziger Deutscher hat er am Polar-Bear-Marathon im Norden Kanadas teilgenommen – und gewonnen.

 

Oromont/Churchill. Die Erinnerungen an den härtesten Lauf seines Lebens sind bei Sven Henkes noch frisch: „Auf den letzten Kilometer hätte eine Eisbär direkt vor mir stehen können, ich hätte ihn nicht bemerkt“, sagt der 35jährige, „da war die Gesichtsmaske komplett steif gefroren. Und durch meine immer wieder zusammengefrorenen Augenlider konnte ich kaum mehr etwas sehen.“ Dennoch sei der einwöchige Sportausflug in den hohen Norden Kanadas unvergleichlich gewesen.

Die Idee für einen besonderen Lauf war Ende September nach dem Berlin-Marathon entstanden. „Da bin ich mit 2:58 Stunden eine persönliche Bestzeit gelaufen und habe mir vorgenommen, noch etwas Verrücktes zu machen.“ Internetrecherche. Den  Marathon im Bergwerk verwarf der früher bei der Spielgemeinschaft Auw/Ormont/Hallschlag in der Bezirksliga aktive Fußballspieler ebenso wie einen Extremlauf in Kambodscha und den Start im Himalaya. „Ich bin auf diesen Benefizlauf zugunsten der Eingeborenen an der Hudson Bay gestoßen, das passte am besten zu mir.“ Die Ehefrau, die ihn nach dem Umzug von der Schneifel nach Berlin vor knapp zehn Jahren für den Laufsport  begeisterte, hatte keine Einwände. Auch die fünfjährige Tochter nicht. Und so machte Sven Henkes den Startplatz klar, buchte die Flüge über Montreal und Winnipeck in das Städtchen Churchill, zu dem zwar keine Fernstraße führt. Deren Autofahrer aber oft ein Gewehr dabei haben, falls ein Eisbär auf üble Gedanken kommen sollte. Denn Churchill gilt als „Welthauptstadt“ der weißen Riesen, die hier in jedem Jahr im Oktober und November in Richtung Hudson Bay unterwegs sind, um auf dem Eis Robben zu jagen.

IMG_5290„Bei -15 Grad bin ich in Berlin ja schon gelaufen. Da hatte ich drei Lagen an. Bei -40 Grad ziehe ich mir eben fünf Lagen über“, lautete der Plan des Betriebswirts und Marketing-Experten – studiert hat er in Trier – für das Abenteuer im eisigen Norden. So lagen am Morgen des 19. November also mehr als 20 Ausrüstungsgegenstände bereit, als um 6 Uhr der Wecker einen besonderen Wettkampftag einläutete. „Schneller Kaffee, vier Scheiben Toast mit Marmelade. Check des Wetters. -41 Grad im Wind. Hossa! Letzter Check der Sachen, Anziehen und raus. Wow, das wird krass!“

Am Start stehen kurze Zeit später bei klirrender Kälte 14 vermummte Gestalten in der Morgendämmerung, die azurblauem Himmel verspricht. Die Stimmung unter den zwölf Kanadiern, dem Schweizer und dem Deutschen ist angespannt aber gut, als es in Dreierteams hinaus geht in die weiße Weite, begleitet jeweils von einem mit Proviant versehenen Fahrzeug. „Da lag auf jedem Beifahrersitz auch ein Gewehr. Das war schon witzig.“

IMG_5407Rückenwind. -26 Grad. Eine wunderbare Landschaft. Zeit, um sich gemeinsam mit dem Laufkollegen Phil nach Bären, Wölfen und anderen Tieren umzusehen. Eine Zeit von knapp unter vier Stunden im Blick. „Klar, es war super kalt und die Augenbrauen und Lider waren schnell vereist und eingefroren – aber es war absolut ok.“ Das sollte sich allerdings am Wendepunkt nach 21,1 Kilometer ändern: „Wir mussten nun genau gegen den Wind laufen und spürten nun schlagartig die enorme Kälte.“ Der Grund: Durch den Wind sinkt die „gefühlte Temperatur“ auf unter -40 Grad. „Das fühlt man direkt“, erinnert sich Henkes. „Einzelne Bereiche des Körpers beginnen zu schmerzen, es läuft sich ungleich schwerer und der Körper braucht viel mehr Energie für den Wärmehaushalt.“

Schon nach 500 Metern ist die Gesichtsmaske steif gefroren, macht den Blick zur Seite kaum mehr möglich. Die dem Wind ausgesetzten freien Hautstellen schmerzen zunehmend, insbesondere im Bereich der Augenbrauen. „Wir haben uns Kilometer um Kilometer vorangekämpft, jeden Hügel gespürt, den wir davor gar nicht wahrgenommen hatten.“ Immer wieder Essen und trinken. Endlich kommt der Flughafen in Sicht. Noch knapp sieben Kilometer.

IMG_5575Kein Gedanke an die Zeit. Vier Kilometer noch. Eine letzte Stärkung. „Da habe ich nochmal einen Kraftschub bekommen, Gas gegeben und bin schließlich als erster über die Ziellinie gelaufen.“ Nach 4:14 Stunden. In die Pranken eines Eisbären. Zum Glück nur die  der als Eisbär verkleideten Frau des Lauffreunds aus der Schweiz.

IMG_5618Auftauen und Warten auf die anderen Teilnehmer bei Kakao, Kuchen und einem Bier, natürlich nicht im Freien. „Es war eine sehr krasse Erfahrung. Die zweite Hälfte war mein härtester und schwierigster Lauf bisher. Der Stolz und die Freude, das geschafft zu haben, hat aber alles überwogen“, schwärmt der Mann aus der Schneifel auch drei  Wochen nach dem eisigen Erlebnis.

IMG_5590Er wundere sich ein wenig über die vielen Anfragen von Medien, die ihn nun erreichen, plaudert er am Telefon. Auch Ausrüster hätten schon angefragt und Unterstützung angeboten. Für das nächste Abenteuer.

IMG_5876„Kanada hat schon ein wenig Appetit gemacht, noch etwas Verrücktes anzugehen“, nach nun insgesamt 16 Marathons seit 2007. Was läge näher, nach dem kältesten Lauf der Welt den heißesten folgen zu lassen? Der Marathon des Sables in der marokkanischen Sahara führt an sieben Tagen über eine Gesamtstrecke von 230 Kilometern. 2015 will Sven Henkes das Extrem in der Wüste  suchen, dann bei weit über +40 Grad. Das sind 80 Grad mehr als beim Polar Bear Marathon. Auf Eisbären wird er dabei nicht achten müssen.

Extra: Polar Bear Marathon

Der Polar Bear Marathon gilt mit Lufttemperaturen unter -40 Grad als kältester Marathon der Welt. Der Benefizlauf in Churchill/Kanada fand in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. Er unterstützt Sportprogramme für die Eingeborenen im Tadoule Lake Reservate.

Die Strecke des Laufs kreuzt die Wege der Eisbären, die in jedem Oktober und November in die Hudson Bay ziehen, um über das Eis zu den Lebensräumen der Robben zu gelangen und zu jagen. Initiator des Polar Bear Marathons ist Albert Martens aus Steinbach bei Winnipeg gemeinsam mit der christlichen Organisation „Athletes in Action“.

Noch einige Fotos mehr im Laufportal

 

Einer geht noch

stafen-andres-lauf 2010 (30)Es gelingt mir nicht ganz, die Gedanken an alle Läufe auszublenden, die ich derzeit verpasse. Im Fall des Stefan-Andres-Laufs ist das allerdings geglückt, zumindest was den Termin betrifft. Denn irgendwie hatte ich bis heute morgen nicht auf dem Schirm, dass der schon am Sonntag stattfindet. Deshalb hatte ich ihn auch nicht in meiner Laufkolumne berücksichtigt, die heute im Trierischen Volksfreund erschienen ist.

Die Folge: Der Anruf eines verärgerten enttäuschten Vorsitzenden heute morgen, bei dem ich mich – einigermaßen peinlich berührt – nur entschuldigen konnte.  Natürlich hätte der Hinweis auf diesen schönen Landschaftslauf in den Kolumnentext gepasst, wie die ergänzte Version (siehe unten) zeigt.

Also Leute: Der Stefan-Andres-Lauf startet am Sonntag um 10 Uhr in Schweich. Lauft mit! Ich will nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn zu wenige Teilnehmer kommen. Vielleicht warten im Ziel ja wieder Weinkönigin und Prinzessinnen.

Einer geht noch

Die Monate September und Oktober bringen für ambitionierte Läufer wahre Festtage. Die Auswahl an Veranstaltungen ist groß, auch für die Freunde der Königsdisziplin. Ich meine dabei den Marathon.

Die Bewältigung von 40 Kilometern plus X auf den eigenen Beinen ist seit dem heroischen Lauf des Pheidippides von Marathon nach Sparta der Traum jedes Läufers – natürlich möglichst ohne sich dabei körperlich zu ruinieren. Einige Jahre lang jede Menge Trainingskilometer und Läufe über wachsende Distanzen lautet das Rezept dafür. Wer dann beim großen Lauf nicht nur lang, sondern auch flott unterwegs sein will, muss auch über zehn Kilometer eine gute Zeit haben. Vielleicht liegt in dem Streben danach ja die Ursache für die Beliebtheit der Zehnkilometerläufe.

Nun wird es im Oktober noch eine Möglichkeit geben, Tempohärte zu zeigen. Die Laufgemeinschaft Meulenwald will nicht mehr nur im Frühjahr einen der schönsten Landschaftsläufe organisieren. Auf dem Gelände des Industriegebiets Region Trier in Föhren soll es am 12. Oktober auch schnell zugehen. Anmeldungen zum 1.?IRT-Lauf sind ab sofort möglich (www.lg-meulenwald-foehren.de).

Ein sehr schöner Landschaftslauf mit großer Tradition ist natürlich auch der Stefan-Andres-Lauf, der am Sonntag über 22 anspruchsvolle Kilometer von Schweich nach Leiwen führt.

Wer schon vorher seine Tempohärte testen will, hat dazu am Freitag beim Flutlichtmeeting im Trierer Moselstadion die Möglichkeit. Wobei wir wieder bei Pheidippides wären. Hätte sich der rennende Grieche einst gut vorbereitet, wäre es ihm nach dem langen Lauf sicher besser ergangen – er wäre nicht tot umgefallen.

Pudelnass glücklich in Koblenz

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Kein Kommentar.

Oweh, wie würde das werden beim Mittelrhein-Marathon in Koblenz: Dauerregen vorausgesagt, noch immer Nachwehen vom unvernünftigen Treppentraining am Donnerstag. Dezente Schmerzen vor allem in den Fußsohlen. Die neuen Schuhe Asics DS-Trainer belasten offenbar doch anders als das Vorgängermodell. Der Plan, mit den Neuen den Lauf am Rhein anzugehen, gebe ich also auf und lasse meine grünen Renner trotz der erheblichen Abnutzungspuren noch einmal auf die lange Strecke gehen.

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Die Tempoläufer machen sich fertig.

4:45 Uhr – wer ruft mich denn mitten in der Nacht an!? Ach nein, es ist der Smartphone-Alarm. Es wird schon hell, also nichts wie raus aus den Federn und noch in Ruhe Frühstücken, bevor das Taxi-Christoph ans Deutsche Eck abfährt. Das Einsetzen der Kontaktlinsen fällt um diese Uhrzeit noch etwas schwer. Aber es soll ja regnen. Ohne Brille laufen zu können, ist dann ein Genuss.

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Headquarter Tiefgarage.

6:20 Uhr – wir rollen auf der A602 in Richtung Autobahn-Dreieck Moseltal. Christoph am Steuer seiner neuen französischen Limousine – ein Auto zum Cruisen – Marcel ist noch mit an Bord. Und Dominik, der heute seinen ersten Marathon finishen wird. Die ersten Regentropfen, die auf das Panoramadach treffen, sind noch Anlass für vorsichtigen Optimismus. So lange der Regen nicht heftiger wird …

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Auf dem Weg zum Start: Gute Laune trotz des Wetters.

7:20 Uhr – „Willkommen in Koblenz!“ steht auf der Banderole am Gitter der Autobahnüberführung. Es regnet jetzt heftig. 7 Grad Lufttemperatur misst der Außenfühler des Autos. Na ja, vor zehn Minuten in der Eifel waren es noch 4 Grad. Der Regen wird wärmer!

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Wenn wir nur schon wieder da wären …

7:30 Uhr – In der Rhein-Mosel-Halle ist wenig los. Heute wird es sicher keinen Teilnehmerrekord geben … Die Tiefgarage ist leider zu. Aber zumindest einen Kurzparkplatz für das Abholen der Startunterlagen ist leicht zu finden. In der Anmeldehalle machen sich in grellem Grün die Tempoläufer mit ihren Ballons fertig. Die Stimmung ist … leicht angespannt. Es wird wenig gesprochen. Ich behalte die Bedenken wegen meiner Sohlen für mich. Wird schon … Das Auto stellen wir in der Tiefgarage in der City ab. Nur 500 Meter sind es von hier bis zum Start.

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Unterschlupf bei SOS-Kinderdörfer

8:15 Uhr – ganz in schwarz gekleidet stehen die vier Läufer aus Olewig am Deutschen Eck. Unter den strengen Augen des bronzenen Kaiser Wilhelm ist die Gruppe der Läufer, die sich gleich auf die Wendepunktstrecke am Rhein machen werden, überschaubar. Zuschauer … Wo sind die Zuschauer? Der Sprecher am Mikrofon versprüht dennoch Optimismus. Unter dem Zeltpavillon des Kinderhilfswerks SOS Kinderdörfer finden wir noch etwas Schutz. Durchnässt schon vor dem Start, das muss nicht sein. Der SOS-Helfer freut sich über die Unterhaltung aus Trier und macht gerne ein Foto von der tapferen Truppe.

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Nur Marcel wird ohne Regenschutz laufen.

8:29:50 Uhr – von zehn auf null zählen die 400 Marathonis, die sich vom Regen nicht beeindrucken lassen. Die meisten jedenfalls nicht. Einige werden die komplette Distanz in Mülltüten-Look absolvieren. Marcel („Ich habe keine Lust zu schwitzen“) hat sich der Fraktion der Kurz-Kurz-Träger angeschlossen. Ich lasse wie Christoph und Dominik die dünne Jacke an. Schließlich wollen wir locker laufen.

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Bunte Läufer“schar“

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Mit dem ADAC liefe es sich schneller …

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Autofreie Strecke

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Der erste Wechselpunkt für die Staffeln.

10:20 Uhr – der Wendepunkt in Bullay Boppard ist nach 1:50 Stunden erreicht. Vier reichlich nasse Olewiger laufen gemeinsam über die Zeitnahmematten. Da unsere Namen unter der Startnummer stehen, werden wir persönlich vom Sprecher auf den Rückweg nach Koblenz geschickt. Der Regen hat sich bislang einigermaßen ertragen lassen. Da es auch einen Staffelmarathon gibt, kommt zumindest an den Wechselstellen in den Dörfern so etwas wie Stimmung auf. Einige Fans halten allerdings an ihrem Plan eines Motivations-Jubel-Frühstücks am Rande der Strecke fest. Danke dafür! Was die Beine machen? Nach drei Kilometern ist von den Schmerzen nichts fast nichts mehr zu spüren. Und das wird so bleiben.

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Wer erkennt den Unterschied? … Die späteren Gewinner sind bei Kilometer 17 nur 6000 Meter vor uns. Wendepunktstrecken ermöglichen einen Blick auf die Sieger.

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Danke Dominik für dieses Foto!

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Wendepunkt für die Marathonis – Start für die Halbmarathonläufer.

10:40 Uhr – es läuft gut. Dominik zieht das Tempo an. Meine Garmin hatte übrigens ausgerechnet heute einen kompletten Hänger. Um 5:25 Uhr ist die Anzeige stehen geblieben und ließ sich nicht mehr dazu motivieren, den normalen Dienst aufzunehmen. So bin ich nur mit Stoppuhr unterwegs. Das i-Phone mit der Runtastic-Aufzeichnung bleibt in der Jacke verstaut. Bei der späteren Analyse der Zeiten zeigt sich: die ersten 21 Kilometer laufen wir nahezu konstant im Fünferschnitt. Auf der zweiten Streckenhälfte sind wir dann auf allen Kilometern unter fünf Minuten unterwegs.

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Die lange Kurve vor/nach dem Wendepunkt bei Bullay.

11:10 Uhr – Kilometer 32 wird angezeigt. Eine magische Marke. Jetzt regnet es heftig, was sich bis ins Ziel nicht mehr ändern wird. Egal, wer läuft, bleibt warm. Christoph und Marcel sind zurückgeblieben. Auf der ersten Streckenhälfte, hatten wir einige Male auf die beiden gewartet. Aber Dominik ist bei seiner Marathon-Premiere gut drauf. Also laufe ich mit ihm, er soll eine Zeit erreichen, mit der er zufrieden sein kann. Allerdings geht er es zu diesem Zeitpunkt etwas zu flott an. Ein typischer Premierenfehler. Ich bremse ein wenig. Der Mann mit dem Hammer soll auch heute keine Chance haben. Ein junger Läufer spricht uns an, will wissen, welche Zeit wir anstreben, weil es sei auch sein erster Marathon und er würde sich gerne an uns dranhängen. „So um die 3:35“, schätze ich, wenn wir in diesem Tempo weiterlaufen. Das sei Prima, meint der Student aus Köln und erzählt von seinen Plänen, im Herbst einen Triathlon zu finishen. Die Zeit zum Training müsste man haben …

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Eine von vielen Burgen an der Strecke.

4:36 – 4:47 – 4:37 – 4:40 – 4:44 – 4:41 – fünf Kilometer vor dem Ziel wird klar, dass wir vielleicht doch unter 3:30 Stunden bleiben können. Zeit für zwei Schluck Cola. Dann übernehme ich die Initiative. Dominik wird das packen, wenn er ein Zugpferd hat. Da bin ich mir sicher. Wir laufen schon im Stadtgebiet. 4:30 – 4:22 – der Atem wird lauter. Jetzt könnte ich gerne auf die Jacke verzichten. Dominik bleibt dran, der Student kann nicht mehr ganz folgen. Über Kopfsteinpflaster geht es hinunter auf dei Rheinpromenade, am Schloss vorbei. 4:21 – noch ein Kilometer. An der Seilbahn muss nochmal eine kleine Ecke gelaufen werden – nicht gut für die Muskulatur. Mein Lauffreund verzieht das Gesicht. Ein Krampf kündigt sich an. „Locker weiterlaufen“, spreche ich ihm gut zu. Ich glaube, etwas Tempo herauszunehmen, was der nachträgliche Blick auf die Statistik nicht bestätigt: 4:16 für den letzten von 42 nassen Kilometern.

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Warten am Ziel: Wann kommt der nächste Läufer.

11:58:50 Uhr – Hand in Hand laufen Dominik und ein pudelnasser Rainer ins Ziel. Medaille, Gratulation, Dauergrinsen. Alles so, wie es sein muss. Und eine tolle Premierenzeit für meinen schnellen Partner: 3:28:50 Stunden. Aber – es schüttet in Strömen. Das alkoholfreie Weizen muss sein. Nach den ersten Schlucken ist es allerdings irgendwie zu kalt. Und während wir auf die Ankunft von Christoph und Marcell warten, die zehn Minuten nach uns ankommen, ist auch unsere restliche Körperwärme komplett verbraucht.

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Christoph und Marcel mit zwei Lauffreunden aus Bielefeld beim Zieleinlauf.

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Geschafft und glücklich: Christoph, Dominik, Marcel und meiner einer.

Ich fange an zu schlottern. Alles nass und kalt. Schnell noch ein Gruppenbild und dann nichts wie ab in die warme Tiefgarage. Das Warten auf den Shuttelbus zu den Duschen sparen wir uns. Mit unserer Abtrocken- und Umkleidenummer im Parkhaus verursachen wir zum Glück keinen Unfall … Dann flott, wohlig warm eingepackt und voller Glückshormone, zurück nach Trier.

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Striptease im Basislager.27-DSC01706

28-DSC01708Es hat wieder Spaß gemacht! Etwas lockerer gelaufen wären auch zehn Kilometer mehr kein Problem gewesen. Gute Vorzeichen für den Eifelmarathon mit Ultrapremiere in zwei Wochen.

 

Darum liebe ich Volksläufe

Kennt Ihr Dirk? Dirk ist einer der Gründe, warum ich Volksläufe liebe. Erste Begegnung in der Umkleidekabine. „Kennst Du die Strecke?“, fragt der Mann in rheinischem Akzent. Mächtige Waden- und Gesäßmuskulatur lassen auf den ersten Blick erkennen: Dirk läuft nicht zum ersten Mal. Die von Höhenmetern gespickte Strecke beim Hochwald-Marathon wird ihn kaum vor Herausforderungen stellen.
„Ja, na dann kann ich ja mit Dir laufen“, ist die Kernaussage des folgenden gefühlt mehrminütigen Monologs über Marathons, Ultraläufe und andere Kleinigkeiten. Das Schmunzeln der anderen Kabinenbenutzer stoppt Dirk nicht in seinem Redefluss. Und als Belohnung für das gute Gespräch darf ich ihm das leuchtend orangefarbene Kopftuch binden. „Ich komme so schlecht dran, aber das ist wichtig, weil …“
Dirk kommt aus Köln und wird im kommenden Jahr seinen hundertsten Marathon laufen. Das weiß nach dem Startschuss bald mindestens die Hälfte des sich schnell in die Länge ziehenden Läufertrosses. Da wir uns am Ende des Feldes auf den Weg gemacht hatten, zieht es Dirk schon bald unaufhaltsam nach vorne. Das leuchtende Kopftuch entschwindet, nicht ohne jedes eingeholte Läufergrüppchen mit den wichtigsten Informationen des Tages zu betexten.
Erst sechs Kilometer vor dem Ende sehe ich Dirk wieder. Er geht und ist still. Nicht ganz: „In welcher Altersklasse startest Du? … M45 … gut … ich in M40 … dann darfst Du vor mir ins Ziel kommen.“

Ich liebe Volksläufe!

Von der Mosel in den Hochwald

Zwei Tage Seminar an der Mosel. Gestern noch ein kleines Morgenläufchen bei Sonnenaufgang..

Gleich geht’s los zum Marathon im Hochwald. Nach zwei Wochen Extremtapering bin ich etwas nervös, wie das sein wird. Aber zumindest sind die Temperaturen nicht zu hoch.

Ihc nehme mal Lightweight und Trailschuhe mit. Nach dem Regen in der vergangenen Nacht könnte mehr Profil gefragt sein.

Drückt mir die Daumen. Ich werde berichten.

Runter, rauf und noch einmal

Er ist einer der ältesten Marathonläufe überhaupt, habe ich mich belehren lassen. In einer Reihe mit den Legenden Rennsteiglauf und Bienwald- und Schwarzwald-Marathon steht der in Monschau. Die  bereits 36. Auflage sollte auch in diesem Jahr viele Laufverrückte in den landschaftlich grandiosen Teil des Naturparks Eifel locken, der an der Grenze zu Belgien nahtlos in das Hohe Venn übergeht.

Geliebäugelt hatte ich schon länger mit einem Start dort. Nachdem bei meinem ersten Landschaftsmarathon im vergangenen Jahr im Hochwald heftigste Wadenkrämpfe auf den letzten zehn Kilometern den Spaß vertrieben hatten, blieb doch einige Skepsis, als mir eine von meinem Laufcoach Jens überlassene Wildcard praktisch keine Wahl mehr ließ: Ich würde starten, zumal die Formkurve nach der intensiven Vorbereitung auf Hamburg noch nicht so dramatisch in den Keller gerauscht war. Aber würden die vergleichsweise wenigen Läufe im Juni und Juli für einen Kultlauf genügen, der damit wirbt, mit mehr als 800 Höhenmeter auf zu 60 Prozent  Waldwegen die Herzen der Läufer nicht nur höher, sondern auch schneller schlagen zu lassen?

Ein gemeinsamer Trainingslauf beim Lauftreff in Schweich bringt die Entscheidung. „Monschau, eine tolle Sache, da fahren wir auch hin.“ Diese Ansage von Lauf-Urgestein Wolfgang Deutsch und die Zusage, ich könne mich der Gruppe aus Schweich gerne anschließen lassen mir keine Wahl mehr. Monschau, ich komme!

Als ich am Sonntag mein Auto kurz vor 7 Uhr auf den vorletzten Platz der als Parkraum ausgewiesenen Rasenfläche hinter der großen Buchenhecke abstelle, steigen aus dem Van vor mir vier Herren in den roten Jacken des LT Schweich. Fest verabredet hatten wir uns nicht. Und wir waren auch unterschiedliche Umwege durch die Eifel gefahren, die gefühlt zur Hälfte wegen Baustellen  auf seiner wichtigsten Verbindungsstraße gesperrt ist.

Großes Hallo mit Wolfgang, Uli, Heinz und Jobst. Als 50er-Team wollen sie im September den Jungfrau-Marathon finishen. Monschau soll so etwas wie ein Trainingslauf sein. „Wir laufen entspannt“, lautet dann auch die von Wolfgang ausgegebene Devise. „Ist mir recht“, versichere ich. Schließlich wolle ich die Landschaft genießen und keine Krämpfe bekommen.

Zwei mit reichlich Flüssigkeit geschluckte Salztabletten, eine vier Stunden vor dem Start, die zweite um 7.30 Uhr, nach dem Überziehen der Kompressionsstrümpfe und dem Befestigen der Startnummer am inzwischen reichlich ausgeleierten Gummiband. Es ist die „500“, eine schöne Nummer, wie mir bei der Übergabe auch die nette Dame vom TV Konzen versichert hat. Das schwarze Funktionsshirt mit dem Monschau-Branding bekomme ich auch noch. Dafür stehe ich gerne einmal für Jens‘ Team GetFit auf der Ergebnisliste. Hoffentlich.

Um 7.50 Uhr setzt sich der Läufertross in Bewegung. Zunächst im Schritttempo, denn in Monschau, genauer im Stadtteil Konzen hat es Tradition, dass die Teilnehmer gemeinsam von der Ortsmitte zum Start gehen. Knapp 200 Männer und Frauen haben das bereits zwei Stunden früher hinter sich gebracht. Es sind jene Furchtlosen, die in diesem Jahr den zum ersten Mal ausgerichteten Ultralauf über 56 Kilometer bestehen wollen.

Am Start treffe ich auch die zwischenzeitlich verlorenen Schweicher wieder. Wolfgang ist mit seinen knapp zwei Metern Körpergröße zum Glück schwer zu übersehen. „Da kommen die letzten vier Ultraläufer von ihrer Zwölf-Kilometer-Schleife“, kündigt der angesichts des Prachtwetters gut gelaunte Sprecher am Mikrophon an. Sonne, kurz vor 7 Uhr ebenso viele Plusgrade. Weder Schwüle noch zu große Hitze wird heute ein Problem sein.  Dann geht es los.

In gemächlichem Tempo trabt das Hauptfeld los, in das wir uns eingereiht haben. 507 Marathonläufer werden am Ende das Ziel erreicht haben, 424 Männer und 83 Frauen. Zudem sind sage und schreibe 98  Staffeln am Start. Weit mehr als 1200 Sportler werden diesen Sonntag also in bleibender Erinnerung behalten.

Zunächst geht es steil hinunter auf einem schmalen Pfad in Richtung Monschau. „Hier war es vergangenes Jahr verdammt glatt“, weiß Wolfgang.  „Da hat es die ganze Zeit geregnet.“

Rutschig ist heute nichts, aber Vorsicht ist dennoch angesichts der unebenen Strecke geboten. Mein langer Laufpartner erkennt einen Bekannten aus Köln. Er will an diesem Tag seinen 60. Marathon bewältigen. „In 4:17 Stunden, die Zeit fehlt mir noch“, erzählt er und deutet auf sein Shirt, auf dem er mit Edding die 59 Endzeiten seiner bisherigen Läufe fein säuberlich notiert hat. Die erste Zahl lautet 3:06 Stunden. Ok, denke ich, der kann also auch deutlich schneller.Bei diesem Tempo bleibt in dem beschaulichen Städtchen Monschau genügend Zeit, die schönen Häuser zu betrachten. Eine Burg gibt es hier. Und spätestens seit auch ein Eifelkrimi von Jaques Berndorf Mord und Totschlag in die 1700-Einwohner-Gemeinde brachte, ist das Städtchen an der Rur auch über die Region hinaus berühmt.

An dem erfrischend plätschernden Flüsschen entlang geht es bis zur idyllisch gelegenen Kluckbachbrücke, wo der erste von zahlreichen Verpflegungsstellen mit allerlei Stärkungen in flüssiger und fester Form wartet.  „So eine Schweinerei!“ empört sich eine Läuferin, als der Mann vor ihr den leeren Plastikbecher von der Brücke in hohem Bogen in den Flusswirft, wo er sich einigen munter auf den Wellen schaukelnden Artgenossen anschließt. Recht hat sie!

Die Erfrischung kam zum richtigen Zeitpunkt, die Erleichterung auch, denn nun geht es zum ersten Mal steiler bergauf. Aus den Augenwinkeln glaubte ich die anderen Schweicher zu erkennen, als sie an uns vorbeiliefen. Ein toller Pfad in herrlicher Umgebung. Ich lasse Wolfgang beim zügigen Berglauf den Vortritt und sehe seinen Fehltritt. Autsch! Umgeknickt. Aber nach Schrecksekunde und zwei Dutzend vorsichtiger Schritte gibt er Entwarnung: „Glück gehabt, da  ist nichts passiert“, und erzählt von seiner schweren Verletzung am anderen Fuß im vergangenen Jahr. „Da ist die Sehne wieder zusammengewachsen. Die reißt nicht mehr…“

Als wir an der Köhlerklause vorbeikommen, einer schönen Campier- und Rastmöglichkeit für Naturliebhaber, muss ich eingestehen, dass ich mich mit den Laufkollegen aus Schweich wohl vertan habe. Und in der Tat werden wir sie erst wieder nach dem Zieleinlauf sehen. Aber es wird heute nicht die letzte Verwechslung gewesen sein.

Bei Kilometer zehn laufen wir durch ein Dorf. „Wo sind wir hier?“, rufe ich einem Zuschauer zu. „Na im wunderschönen Widdau“, kommt die Antwort. Dort, wo die Staffeln erstmals wechseln. Wieder gibt es Verpflegung, von freundlichen Menschen gereicht, wie überall an der Strecke. In jedem Ort feuern die Einheimischen uns Läufer an, bieten Getränke, Riegel, Obst. Sie haben Plakate gemalt, erwidern jeden Gruß, haben aufbauende Sprüche für alle, die scheinbar oder tatsächlich in einer Schwächephase stecken.

Die haben fast alle beim zwei Kilometer langen Anstieg im Hölderbachtal. Hier wird auch niemand schief angeschaut, wenn er einige Meter geht – was für mich allerdings nicht in Frage kommt – noch nicht.

Und so geht es weiter: mal rauch, mal runter, dazwischen immer wieder flach entlang. Im Wald, auf Wiesenwegen. Die Kühe am Rande haben sich ebenso wie die Läufer zu Rudeln geschart. Auf der Höhe zum Brather Hof bläst der Wind kräftig. Die mächtigen Rotoren, die hier Energie gewinnen, stehen an der richtigen Stelle. Kurz nach Überquerung der B258 ist die erste Hälfte geschafft. Und wieder machen am Übergabepunkt der Staffeln die Menschen den Weg zu einer schmalen Gasse der Motivation.

Zwei Stunden und drei Minuten zeigt die Uhr an. „Jetzt laufen wir etwas zügiger“, schlägt mein Partner vor. „Unter vier Stunden will ich schon ins Ziel kommen.“ Ich habe keine Einwände, zumal es nun erst einmal längere Zeit eher bergab geht. „4:20“, gebe ich nach einem Kilometer das aktuelle Tempo weiter. Die zuvor lebhafte Unterhaltung stockt nun etwas. Vor allem wenn es den Berg hinunter geht, ist Walter mit seinen langen Beinen klar im Vorteil. Ich muss gefühlt mindestens doppelt so viele Schritte machen wie er. „Läufst Du jetzt auf drei Stunden 30?“, frage ich etwas stockend. „Oh, Du hast recht, wir müssen etwas Tempo herausnehmen“, kommt zur Antwort. „Wenn man die Leute überholt, ist es irgendwie wie ein Rausch, da muss man aufpassen“, spricht’s und läuft fortan nur noch 4:30 Minuten/Kilometer.

Ich lasse es locker bergab laufen und merke bald, dass ich am Berg relativ leicht wieder aufschließen kann. Wir überholen die Tempoläufer für 4:00 Stunden. Der Untergrund wechselt nun auf Asphalt. Das kommt dem Tempo entgegen.

Bei Kilometer 29 ist Kalterherberg erreicht. Ein Straßendorf von außergewöhnlicher Länge. 2400 Menschen leben hier. Die meisten haben sich heute wohl vor der großen neugotischen Dorfkirche mit dem Doppelturm versammelt, die eher einem Dom gleicht. Hier stehen sie Spalier für den dritten Staffelwechsel. Die anderen haben sich davor und dahinter auf mehreren hundert Metern verteilt, jeder Zweite mit einem  Bauchladen voller Energieriegel, Obst und Getränke. Ich greife zu und verschlucke mich prompt mächtig, weil ich so viel Kohlensäure nicht erwartet hatte.

Egal. Die Stimmung ist prächtig, als wir uns nach links in die Hecken schlagen. Wir laufen nun in unmittelbarer Nähe zur Grenze nach Belgien. Hier heißt die Eifel Hohes Venn. Eine idyllische Landschaft. Der kleine Fluss am Wegesrand ist wieder die Rur. Unter dem Viadukt der ehemaligen Vennbahn hindurch beginnt bei dem geschlossen wirkenden Gasthaus Leyloch ein langer Anstieg auf Asphalt. „Vor einem Jahr hat uns hier der Wirt mit warmen Getränken begrüßt“, erzählt Wolfgang. Vielleicht ist es ja derselbe Mann, der nun hinter dem Haus auf dem geschnittenen Stammholz sitzt und uns freundlich zuwinkt. Wir freuen uns derweil, dass die Distanz unserer Reststrecke nur noch der einer kürzeren Trainingseinheit entspricht.

Die Strecke auf der Straße, mit ihren langgezogenen Kurven, Anstiegen und Gefällen erinnert mich sehr an einen anderen Lauf in der Eifel: den Nürburgringlauf. Auch in Monschau hat diese Passage zwischen Kilometer 34 und 38 etwas von „grüner Hölle“. Die Beine sind nun ordentlich schwer. Ein leichtes Ziehen in den Oberschenkeln. Die Waden machen keine Probleme, registriere ich beruhigt. Der berüchtigte Hammermann, der einem angeblich mit einem Schlag alle verbleibenden Kräfte raubt, ist aber nicht zu sehen. Vielleicht verhindern dies auch die begeisterten Menschen in Mützenich, die über der Strecke ein großes Zelt errichtet haben, durch das die Läufer hindurch müssen, nicht ohne es ohne Stärkung verlassen zu haben. „Keine Sorge, einer ist noch hinter Dir!“, ist auf einem Plakat zu lesen. Ich muss schmunzeln. Die meisten Läufer werden diese Ironie wohl verkraften.

Am Ende komme noch ein Anstieg an dem sich zeige, wer noch Körner habe. So hatte mein erfahrener Mehrfach-Monschau-Finisher gewarnt. Na gut, denke ich mir, dann lasse ich es bis dahin eben laufen. Zumal es wieder bergab geht. Wolfgang bleibt nun etwas zurück. Aber ich werde auf ihn warten.

Dann biegen wir von der Straße wieder links auf einen schönen Naturpfad ab – und da ist er, der berüchtigte Schlussanstieg nach Konzen. Ich nehme Tempo heraus und meinen Partner im Ärmellosen roten Shirt wahr. Er läuft nur 50 Meter hinter mir. Der Kirchturm des Ortes kommt in Sicht, die Stimme des Sprechers zu hören. Wie beim Start versprochen, begrüßt er offenbar jeden einzelnen Läufer mit dem Namen.

Wo ist Wolfgang? Ich nehme nochmal Tempo heraus, trabe, sehe das Ziel, gebe ihm einen ermutigenden Wink, lasse ihn herankommen. Hand in Hand laufen wir unter dem Zielbogen hindurch, erhalten unsere Medaillen. Ich blicke strahlend auf, sehe den Mann, der sich herzlich dafür bedankt, dass ich ihn am Berg so hochgezogen habe. Dann erkenne ich Wolfgang. Er kommt jetzt ins Ziel. Wir klatschen uns ab. „Ich habe auf dem letzten Gefälle meinen Ischias gespürt und musste Tempo herausnehmen“, sagt er und versichert, dass er mir nicht böse ist, weil ich nicht gewartet habe. Ich versuche ihm das mit der Verwechslung zu erklären. Egal. Wir sind beide glücklich. 3:48:10 Stunden wird meine offizielle Nettozeit sein. Wolfgang ist nur fünf Sekunden langsamer.

Mit Obst, Cola und Tee warten wir auf die drei anderen Schweicher. Der Jungfrau-Marathon wird für sie sicher kein großes Problem. Vielleicht, nein, bestimmt laufe ich den irgendwann auch einmal.

Ergebnisse:

  1. Männer:             Markus Werker (TV Konzen)                     2:38:57
  2. Frauen:               Christina Ortmanns (Team coolart)         3:23:49

Läufer aus der Region Trier:

Rainer Neubert (Team getFit)           3:48:10

Wolfgang Deutsch (LT Schweich)     3:48:15

Uli Schabio (LT Schweich)                    3:58:52

Heinz Grundheber (LT Schweich)    4:00:28

Jobst Scherler (LT Schweich)             4:35:28

Thomas König (LT Mertesdorf)         6:20:50

Das Laktat muss raus. Am Tag danach tut’s zwar weh. Es hilft aber.

 

Nur Theorie

Meine läuferischen Aktivitäten beschränken sich heute darauf, ab und an einen Blick auf London zu werfen. Da hat Arne Gabius, der auch beim Silvesterlauf in Trier am Start war, leider das Finale über 5000 Meter verpasst. Der zweite Vorlauf war einfach zu schnell, so dass Platz 7 im ersten Lauf nicht genügte, um über die Zeitwertung in den Endlauf zu kommen.

Für mich ist Tapering angesagt. Heute  ein wenige Gymnastik, morgen ein Lauf mit einigen Höhenmetern. Dann am Samstag nochmal ein kurzer Rekomlauf. Die Wettervorhersage  für Sonntag ist prima. Nach dem Stand der Dinge werde ich doch am frühen Morgen nach Monschau fahren. Auf den so viel gelobten Lauf bin ich gespannt.

Ganz stimmt mein Eingangssatz allerdings doch nicht. Denn auch der Silvesterlauf 2012 und der Stadtlauf 2013 haben mich heute schon auf trab gehalten. Der Silvesterlauf, weil wir erstmals eine kleine Version von „Der TV bewegt!“ auflegen. 15 laufende Leserinnen und Leser unserer Zeitung bzw. Nutzer des TV-Laufportals haben die Chance, ein umfassendes Trianingspaket sowie kostenlose Start beim Flutlichtmeeting im September und beim Silvesterlauf zu gewinnen. Die Bewerbung ist noch bis Sonntagnacht möglich. hier

Für den Trierer Stadtlauf 2013 stand heute Vormittag ein wichtiges Gespräch statt. Wir werden die Jungendläufe wieder als Namenssponsor präsentieren. Und von Veranstalterseite gibt es auch wieder grünes Licht für Der TV bewegt!   In welcher Form dieses Vorbereitungstraining wieder angeboten werden kann, wird derweil noch diskutiert. Wer will, darf gerne die Daumen drücken, dass die entsprechenden Budgetverhandlungen zu einem guten Ergebnis kommen.

Der Stadtlauf 2013 wird übrigens auf einer neuen Strecke stattfinden. Der Trierer Norden löst Trier-West als Teilstück ab. Mehr dazu in den nächsten Tagen.

 

Nochmal Echternach

Das große Experiment ist also erfolgreich beendet: Die intensivste und anstrengendste Trainingszeit habe ich mit zwei persönlichen Bestzeiten gekrönt: 3:08:52 beim Hamburg-Marathon und am Donnerstag 39:06 über zehn Kilometer beim Run for Fun in Echternach.

Zielsprint in Echternach. Endlich mal eine Aufnahme, auf der man mir die Anstrengung ansieht. Danke Holger Teusch für das Foto!

Ein Dank gebührt an dieser Stelle in erster Linie meinem persönlichen Coach Jens Nagel, der mich 13 Wochen vor dem Marathon mit detaillierten Plänen „geplagt“ hatte und beim 10er auch noch die Rolle des Tempomachers übernahm. So war es zwar nicht ganz entspannt, aber dennoch relativ einfach, das richtigeTempo zu finden, ohne ständig auf die Uhr blicken zu müssen. Und ohne Jens hätte ich den letzten Kilometer sicher nicht in einem Schnitt von 3:25 geschafft. Das war dann doch ziemlich hart.

Nachbesprechung im Ziel.

Dass meine Familie im Zielbereich wartete und jubelte, hat mich zusätzlich gefreut. Das Wetter war toll, und so hat es super viel Spaß gmeacht, nach dem Zwischenstopp in einer Eisdiele in dem beschaulichen luxemburger Städtchen noch eine wunderbare Familienwanderung durch die Wolfsschlucht anzuhängen. Dort waren wir zuletzt vor etwa zehn Jahren.

Die Südeifel ist ein tolles Wanderrevier. Und die bizarren Felsformationen boten vor einigne hundert Jahren reichlich Anlass für Legenden und Sagen. Neben der Teufelsschlucht bei Irrel ist die „gorge du loup“ eine der lohnenswertesten Ziele für trittsichere Naturbegeisterte. Denn neben vielen Höhenmetern müssen hier hunderte in den Stein gehauene, aus Blöcken und Holzbalken gelegte Stufen bewältigt werden.

Heute dann ein kleiner Stadtbummel in Trier, ein Belohnungseinkauf und Abhängen für den Rest des Tages. So ein freier Brückentag hat schon etwas für sich.

Und welches Experiment kommt jetzt? Erst einmal keines. Genussläufe sind angesagt. Im Herbst noch ein Landschaftsmarathon. Monschau gilt als Favorit. Und im kommenden Jahr dann vielleicht – wenn die Gesundheit mitmacht – eine Steigerung. Es soll dann ja in der Eifel auch einen neuen Ultralauf geben….

Das Maß der Dinge

Der „Normalläufer“ träumt davon, diese Distanz einmal zu bewältigen. Sein etwas ambitionierterer Sportkollege will sie in weniger als 60 Minuten schaffen. Als Schallmauer gilt die 40-Minuten-Marke für die Meisten. Die Rede ist von der Zehn-Kkilometer-Distanz.
Der „10er“ ist das Maß der Dinge. Er ist unbeliebt, weil lang, bei den Sprintern. Er ist verhasst, weil kurz und anstrengend, bei den Marathonis.

 
Aber auch die wissen, dass ein schneller 10er die Basis ist für eine gute Zeit über 21 oder 42 Kilometer. Jedes gute Training baut darauf auf: Wie lange kann ich ein möglichst hohes Tempo halten? Als Maßstab gilt die Bestzeit über zehn Kilometer.

 
So ist es kein Wunder, dass im Laufkalender die Wettkämpfe über diese Distanz in der Mehrzahl sind und über reichlich Teilnehmer verfügen. Die Bitcup-Laufserie zeigt zudem, wo der Top-Sponsor unserer Region sein Label sehen will, wenn es um den Laufsport geht.

 
Im Ländchen ist die Brauerei aus der Eifel weniger aktiv. So gibt es heute in Echternach beim „Run for Fun“ das bei Marathonis beliebte alkoholfreie Lieblingsbier eines Mitbewerbers, auch wenn der Lauf „nur“ über zehn Kilometer führt.
Das liegt wiederum daran, dass auf dem Kirchberg am Samstag der Luxemburg-Marathon startet. Vielleicht wird der ein oder andere der insgesamt 10?000 gemeldeten Teilnehmer ja die Veranstaltung in Echternach wörtlich nehmen und „nur zum Spaß“ als letzen Trainingslauf vor dem großen Rennen nutzen.

Fauja Singh ist weise und wird sich das vermutlich sparen. Dem mit 101 Jahren betagtesten Marathonfinisher der Welt werden die 42,195 Kilometer am Wochenende genügen. Aber auf eine gute Zeit kommt es bei ihm eh nicht an. Er wird so oder so Weltrekord laufen.

laufen@volksfreund.de

Mehr als eine „geile Meile“

Das große Ziel ist erreicht, der Hamburg-Marathon Geschichte. Danke an alle, die mich mental unterstützt, Daumen gedrückt, Mails oder SMS geschickt oder auf Facebook gepostet haben!

Gestern Abend nach der Ankunft in Trier bei einem lockeren Lauf die schmerzenden Beine gelockert, Fotos gesichtet, Zeiten verglichen.

Heute dann nochmal den Lauf bewusst nachempfunden. Das funktioniert bei mir am besten beim Schreiben. Hier das Ergebnis:

Mehr als eine geile Meile – Hamburg Marathon 2012

„Warum geht das hier so langsam?“ Für die Reeperbahn, die „geile Meile“, ist kaum ein Blick übrig, unmittelbar nach dem Startschuss für den Hamburg Marathon 2012. Zu groß ist auf dem ersten Kilometer das Getümmel im Pulk der Läufer. „Nur niemandem auf die Füße treten – und möglichst rasch das geplante Tempo erreichen“, ist der nächste Gedanke. Die Anfeuerungsrufe der Zuschauer erreichen noch kaum meine Ohren.

Block E - Start aus der Boxengasse.

Mein Ziel ist ambitioniert: 13 Wochen mit intensiver Vorbereitung sollen eine persönliche Bestzeit möglich machen. Mindestens 9 Minuten schneller als im vergangenen Jahr in Stockholm: 3:15 Stunden. Darauf waren Intervalltraining, Tempodauerläufe, Longjogs und all‘ die Lauf-ABC-, Koordinations- und Kräftigungsübungen abgestimmt, die mir mein persönlicher Laufcoach Jens Nagel in jeder Woche in detailliert und immer anspruchsvollere Trainingspläne geschrieben hatte.  Wenn der nicht so ein netter Kerl wäre, hätte ich vermutet, dass er dabei eine diebische Freude verspürt haben muss – sadistisch angehaucht. Aber Jens ist ein netter Kerl. Und so war es einfach nur, dass zum Beginn des Trainings die Temperaturen bei -15 Grad lagen und so mancher anstrengende Lauf zu früher Morgenstunde bei Regen absolviert werden musste.

4:35 Minuten. Das ist die magische Zahl für jeden der kommenden 42,195 Kilometer, wenn ich meine Zielzeit erreichen will. Da allerdings Verzögerungen an den Verpflegungsstellen und auch mindestens eine Pinkelpause dabei eingerechnet sind, ist klar, dass in Wirklichkeit das Tempo nicht unter 4:30 Minuten pro Kilometer liegen darf.

Slalom. Wie bei allen Stadtmarathons gleichen auch heute in Hamburg die ersten Kilometer einem Lauf in Schlangenlinien. „Ist Marcel noch da?“ Kurze Blicke über die Schulter und zur Seite beruhigen. Mein Laufpartner hält sich bei mir. Marcel ist zehn Jahre jünger als ich und ein großes Lauftalent. Bei der Renneinteilung auf langen Strecken fehlt ihm allerdings noch etwas Erfahrung. So haben wir vereinbart, dass ich das Tempo vorgebe und er mich auf den letzten Kilometern mitzieht.

Kilometer 1 in 4:45, gefühlt in 5:30. Kilometer 2 in 4:37. „Warum laufen in dieser Startgruppe nur so viele so langsam?“ Endlich werden die Abstände zwischen den Läuferinnen und Läufern etwas weiter. 4:23 Minuten für Kilometer 3. Gut so. Ich nehme zum ersten Mal bewusst die Anfeuerungsrufe der Zuschauer  wahr. Davon haben alle Bekannten geschwärmt, die schon einmal in Hamburg gelaufen sind. Einmalig sei die Stimmung dort.

Landungsdock für Aida-Kreuzfahrtschiffe

4:22 – 4:16 – „Marcel, wir sind zu schnell!“ Die Begeisterung am Streckenrand steckt an. Richtungswechsel. Es geht nun in auf der Elbchaussee in Richtung Landungsbrücke. Imposante Villen am Straßenrand. Kein Wohnviertel für Arme. Verpflegungsstelle, Wasser trinken. 4:35 – 4:27. Jetzt haben wir unser Tempo gefunden. Hier am Landungsdock für die Aida-Kreuzfahrtschiffe waren wir schon gestern Abend, als sich unsere Vierergruppe nach 7 Stunden Fahrt von Trier zum letzten kurzen Lauf vor dem Renntag in Sportklamotten geschmissen hatte. Bei diesen fünf Kilometern hatten Muskeln und Gelenke erschreckend gezwickt. Aber davon ist heute zum Glück nichts zu spüren. Auch bei Christoph und Rudi nicht, die einen Startblock hinter uns laufen und unter 3,5 Stunden bleiben wollen. Achim, unser Langer, war erst am späten Abend gekommen. Er hatte durch eine schwere Erkältung wieder Pech in der Vorbereitung. Der erste Marathon unter vier Stunden wird es für ihn deshalb nicht werden.

Aus der Hand geschossen. Stimmung an den Landungsbrücken.

4:25 – 4:22. „Zu schnell, Marcell!“, bremse ich meinen Partner. Wow! Welch eine Stimmung! Als die Breite Straße auf zu den Landungsbrücken hin abfällt, bietet sich uns Läufern ein gigantisches Bild. Zuschauer jubeln auf mehreren Ebenen, stehen auf Brücken, tanzen, feuern an zu Sambaklängen. Meine kleine Sony habe ich in der Hosentasche. „Einen Versuch ist es wert“, denke ich mir und nestle das Teil aus der Hosentasche. Schnappschüsse bei Tempo 4:21? Das geht, wird sich herausstellen. Und schnell noch ein Selbstportrait …

Noch ist die Stimmung blendend.

Zehn-Kilometer-Marke. Der Blick geht zu dem Bändchen auf dem Handgelenk, auf dem die geplanten Zwischenzeiten vermerkt sind. 46:13 steht da. „Wir sind 1,5 Minuten schneller“, signalisiere ich Marcel. Es läuft prima!

In dem weiß gekleideten Muskelmann vor mir erkenne ich Manuel. Ein ehemaliger Arbeitskollege, der inzwischen in Krefeld arbeitet. Wir hatten uns zum gemeinsamen Lauf verabredet, aber in dem Trubel vor dem Start nicht gefunden. „Geil hier, oder?“ – „Ja, super … Euer Tempo kann ich aber nicht mitgehen“. Einige hundert Meter später spricht mich Norbert aus Bernkastel-Kues an. „Du bist doch der Rainer, oder?“ – „Ja?“ – „Ich bin Norbert, der Kollege von Dirk Engel … Der hat mir gesagt, dass Du auch hier läufst!“ 3:20 Stunden wolle er laufen. „Viel Glück dabei!“ Dass er das geschafft hat, wird er mir später freudestrahlend im Ziel berichten.

Die Neue Philharmonie.

Wir laufen an der Neuen Philharmonie vorbei, die den Eingang zur Hafencity markiert. Das  futuristische Opernhaus ist wie dieses gesamte Riesenareal an der Elbe eine gigantische Baustelle.  Am späten Nachmittag werden wir uns das noch genauer ansehen. Aber bis dieser entspannte Teil unserer Kurzreise in den Norden der Republik beginnt, muss noch einiger Schweiß vergossen werden.

Ideal sind die Temperaturen an diesem Tag. Um die 15 Grad, wechselnde Bewölkung. Der Wind vielleicht etwas zu stark in einzelnen Passagen, in denen er von vorne kommt. Im Tunnel unter dem Hauptbahnhof ist das kein Problem. Die Rampe hinunter verhilft zur schnellsten Kilometerzeit:  4:13 Minuten. Ein Läufer kann es nicht mehr halten. Er entledigt sich seines Blasendrucks an die  Tunnelwand.

Am Jungfernstieg - Die Strecke führt rechts entlang der Außenalster.

Jungfernstieg. 15 Kilometer sind geschafft. 16 – 17 – so weit war ich in diesem Tempo auch schon im Training unterwegs. Ab jetzt wird es spannend. Entlang der Außenalster bläst der Wind heftig von vorne. „Erzähle mir doch etwas“, fordert mich mein asketischer Laufpartner auf. „Nö, mach selber“, gebe ich zurück. Ich habe etwas mit dem Magen zu kämpfen. Um 9 Uhr Start, um 7 Uhr Frühstück. Das Müsli hätte ich doch nicht essen sollen. Es wiegt nun ziemlich schwer.

Kilometer 19 – der Läufertross biegt ab nach Uhlenhorst. Hier drängen sich wieder lautstark die Zuschauer. Verpflegungsstelle bei Kilometer 20. O.k., ein Stück Banane wird schon gehen … jetzt nur nicht übergeben!

Halbzeit. 1:37:30 steht auf dem Armbändchen. Die Garmin zeigt irgendetwas um 1:34 Stunden an. „Marcel, wir sind gut dabei!“.  Stadtpark. Schöne Bäume. „Urinieren in der Öffentlichkeit ist eine Ordnungswidrigkeit“, so stand es in den Anmeldeformularen. Egal – 4:43 für Kilometer 23 – So viel Zeit muss sein.

Noch sieht es gut aus... Foto: firstfotofactory.com

Kilometer 25 – Alsterdorf. Für die Musik der NDR-Bühne habe ich kein Gehör. Spielen die überhaupt? Der Lauf im „Tunnel“ hat begonnen. Meine Gedanken wandern zum Mentalcoaching. Mit Jens, Petra, Dieter, Martin und Michael hatte ich in den Wochen vor dem Rennen drei Sitzungen bei Wolfgang. Im Grunde geht es dabei darum, sich positive Erlebnisse und bewältigte Probleme quasi bei Bedarf in Erinnerung zu rufen. „Gut“, rede ich mir zu, „dafür wird es jetzt langsam Zeit.“

Dem großen Piraten geht es auch nicht besser... Foto: firstfotofactory.com

4:24 – der Tempomat ist eingestellt. Verpflegungsstelle. Ein Gel wird gereicht. „Marcel, willst du?“ Ich ernte ein Kopfschütteln, stecke den Beutel in den Gürtel, verliere ihn fast sofort wieder. „Wir sind jetzt zwei Stunden unterwegs“, freut sich mein Begleiter, „das ist für mich eine psychologisch wichtige Marke.“ O.k. …

Kilometer 28, 29, 30 – „Werde ich dieses Mal Bekanntschaft mit dem Hammermann machen?“ Weg mit diesen Gedanken! Es wird Zeit für das mitgenommene Gel. Das hatte ich schon bei den langen Läufen getestet, lässt sich auch ohne Wasser schlucken. Ich nestele den Beutel aus der Tasche am Gürtel. „Energy Competition Gel“ steht darauf. Hoffentlich wirkt es…

Nur noch zehn Kilometer ... Foto: firstfotofactory.com

Kilometermarke 32 – „Nun nur noch … ein kleiner Morgenlauf“, raunze ich etwas kurzatmig meinem inzwischen ebenfalls etwas mitgenommen aussehenden Laufpartner zu. Dieser Gedanke hatte bei den bisherigen Marathons immer geholfen, ein Stimmungstief zu vermeiden.  Kilometer 35 – 2:41:45 steht auf dem Bändchen. Wir sind fast acht Minuten schneller. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, wie ich mich wundere, warum ich mich nicht freue, dass wir in jedem Falle die 3:15 Stunden unterbieten werden. „Jetzt könnten wir doch auch langsamer laufen…“

In Hamburg-Nord geht am Straßenrand wieder der Punk ab. Enges Jubelspalier für die Helden der Straße. Noch 6 Kilometer, noch 5 … Warum sind diese Kilometer sooo lang? Wo sind die Zuschauer? Kilometer 38 – Harvestehude – 4:28 – wo sind die Leute? Kilometer 39 – Rotherbaum – 4:30 – Blick zur Uhr. Doch schneller als 3:10 Stunden? Der Gedanke daran macht nochmal Beine, auch wenn ich sie nicht mehr spüre. Jetzt müsste Marcel doch Gas geben? Aber der läuft mit glasigem Blick neben mir, dann hinter mir. Hey, das kann doch nicht sein!

Kilometer 41 – zurück in St. Pauli. Das Publikum ist wieder da, feiert uns Läufer euphorisch, auch wenn die schnellsten schon seit mehr als einer Stunde hier vorbeigekommen sind. Ich sehe das Ziel. „Jetzt wird genossen!“, höre ich mich sagen. „Marcel!“  Marcel? Mein junger Laufpartner quält sich tatsächlich 20 Meter hinter mir. Keine Frage, ich warte, mache langsamer, bis er aufgeschlossen hat. Der rote Teppich. Ich fische mir seine Hand, reiße sie in die Höhe. Jubelpose.

Zieleinlauf - mein Lieblingsbild. Foto: firstfotofactory.com

Endorphine meißeln ein breites Grinsen in mein Gesicht. Es ist geschafft!

Ein hübsches Mädchen erwartet mich mit der Medaille, in der eine Stunde später die Zeit eingraviert sein wird.

Fotos werden gemacht. Auch Marcel findet schnell seine Fassung wieder. Wir sind stolz.

Stolz! Foto: firstfotofactory.com

3:08:52 Stunden, Platz 626 (gesamt) Platz 601 (M), Platz 125  in meiner Altersklasse (M45). Wie gut das ist, wird  mir erst später bewusst. Auch Christoph und Rudi laufen deutlich neue Bestzeiten, 3:25 und 3:23. Schließlich kommt auch Achim ins Ziel. Er musste wegen Knie- und Hüftschmerzen viel gehen. Doch das ist schnell vergessen. Jetzt ist Zeit zum gemeinsamen Feiern: Der Schmerz geht, der Ruhm bleibt.

Viermal persönliche Bestzeit!

Und wer jetzt noch Lust hat, kann hier den genauen Rennverlauf ansehen.

Danke an Holger, der aktuell auch etwas für das Laufportal geschrieben hat.