Gestern Silvesterlauf – heute eine neues Jahr

Wie lässt sich ein schönes Laufjahr besser abschließen als mit einem Lauf an Silvester? Kaum. Und wenn dann auch noch ein Lauf, der sich mit dem Titel „Sao Paulo Deutschlands“ schmückt, in der eigenen Stadt zehntausende Zuschauer und mehr als zweitausend Läufer lockt, ist es kaum möglich, sich diesem Spektakel zu entziehen.

Für meinen Schatz und zwei Laufkumpel durfte ich die Startnummern in der Halle des Max-Plack-Gymnasiums mit abholen. Alles gut organisiert. Überraschend wenig Betrieb. Viele hatten ihre Nummern offenbar schon am Vortag gesichert. Oder sie warteten noch länger als ich.

Es war also Zeit für die ersten Plauscheinheiten, auch mit einer Legende: Der ehemalige Olympiateilnehmer, Sportjournalist und Buchautor Herbert Manfred Steffny weilte zum Silvesterlauf in Trier und präsentiert in der Halle seine Druckerzeugnisse. Natürlich auch seine legendäres Laufmagazin Spiridon.

Er schreibe gerade an einem neuen Buch, verrät der 70-Jährige und fragt mich direkt nach Zeiten, Trainingsplänen und ähnlichen Dingen, während ich versuche, ihm das Laufportal näher zu bringen, das er bislang nicht kannte. Er verrät mir auch, dass er einst bei meinem Arbeitgeber, der Regionalzeitung Trierischer Volksfreund, als  Sportjournalist seine ersten Berichte verfasst hat.

Sportprominenz gibt es noch mehr. ZDF-Sportchef Wolf-Dieter Poschmann moderiert traditionell den Lauf. Sabrina Mockenhaupt ist da, die Hahner-Zwillinge, Corinna Harrer, Arne Gabius und Carsten Schlangen, um nur einige Namen zu nennen.  Bei den Herren gilt Moses Kipsiro aus Uganda als der große Favorit.

Da meine Frau – es ist für sie erst der zweite Wettkampf überhaupt – bereits um 16.15 Uhr zum Frauenlauf startet, sind wir mit den Jungs schon um kurz vor 15 Uhr in der City. Dank VIP-Karten – einen Vorteil muss mein öffentlichkeitswirsames Arbeiten für die Veranstaltung ja haben – dürfen wir den roten Doppelstockbus besteigen, der wieder unmittelbar am Zieleinlauf steht. Dort ist der Blick auf die große Videowand, auf der ab und an auch das Logo für mein Laufportal prangt. besonders gut ist die Sicht auf die lange Gerade der Fleischstraße

und auf den Endspurt vor dem Ziel.

Beim Frauenlauf gibt es das erwartete harte Rennen zwischen Mocki und Coco. Erst auf der letzten der fünf 1000-Meter-Runden kann sich Corinna Harrer etwas absetzten und gewinnt vor Sabrina Mockenhaupt und Anna Hahner.

Das Herrenrennen wird sehr schnell von einem Tross afrikanischer Läufer. Gegen diese utraschlanken Laufgazellen bzw. -hirsche haben die europäischen Laufer keine Chance. Unglaublich, in welchem Tempo die Jungs unterwegs sind. Sie sind auch viel zu schnell, um mit meiner kleinen Kamera wirklich scharf beim Zielsprint abgelichtet zu werden.Für Impressionen reicht es dennoch:

Moses Kipsiro gewinnt in unglaublichen 22:41 Minuten.

Arne Gabius wird in 23:06. als bester Europäer Siebter (23:06)

Carsten Schlangen folgt als Achter in 23:16.

Was diese Zeiten bedeuten wird klar beim Blick auf die regionalen Spitzenläufer, von denen Marc Kowalinsky (25:31) als 30. am besten abschneidet. Und unser TV-bewegt-Coach Jens Nagel darf sich über Platz 50 freuen (29:30). Außerdem bekommt er von mir den Preis für den schönsten Laufstil.

Und danach dann die Massenrennen. Zunächst die 363 Damen des Volkslaufs. Versteht sich von selbst, dass meine Karin von mir und den Jungs besonders angefeuert wird. Sie kommt wie die meisten Teilnehmerinnen nach fünf Runden erschöpft, aber strahlend ins Ziel. Auf den letzten Metern begleitet von Jan und Leo, die sich über die Bande gestohlen haben.

Bei mir versucht das zumindest Leo auch, allerdings bemerke ich das im Zielspurt gar nicht und wundere mich zwei Sekunden später, warum mein Filius neben mir im Ziel steht und mir begeistert zuruft, ich sei genau auf Platz 100 gelaufen. Das habe er mitgezählt. Leider reicht es zu dieser schönen Platzierung doch nicht ganz. Unter den 585 Finishern die beim Volkslauf der Männer gewertet werden, lande  mit der offiziellen Zeit von 34:14 Minuten auf Platz 98. Handgestoppt bin ich zehn Sekunden schneller, aber da bei diesem Lauf nur Bruttozeiten gemessen werden. Gefühlt hat es wesentich länger als zehn Sekunden gedauert, bis ich an der Startlinie war. So richtig ans Laufen gekommen bin ich erst in der Nagelstraße, also nach etwa 400 Metern. Die erste Runde war dementsprechend 50 Sekunden langsamer als die letzte.

Aber egal. Es hat super viel Spaß gemacht, die acht Runden zu drehen. Noch nie habe ich so oft bei einem Lauf meinen Namen gehört. Außerdem gab es am Start, auf der Strecke und im Ziel ein Wiedersehen mit vielen Laufbekannten. Allen voran natürlich die Jungs vom Lauftreff des SV Olewig.

Hier der Link zu einem netten Film

Hier geht’s zur offiziellen Silvesterlauf-Homepage mit allen Ergebnissen.

Berichterstattung, Ergebnislisten und Bildergalerie gibt es zudem auf dem Laufportal volksfreund.de/laufen

 

Euch allen einen guten Start ins neue Jahr!

 

 

 

 

 

 

Atemlos auf dem Dach der Welt

Laufen geht noch immer nicht. Aber an so einem verregneten Tag lassen sich ja zumindest Texte schreiben, die sich um das Laufen drehen. Die Reportage, die in den nächsten Tagen in dieser oder in etwas gekürzter Form im Trierischen Volksfreund erscheinen wird, will ich den Freunden und Gästen meines Blogs nicht vorenthalten.

Morgenlauf mit Fernsicht.

Atemlos auf dem Dach der Welt

Der Panoramaberg Muottas Muragl bietet nicht nur für Wanderer ganz besondere Erlebnisse

Wie ist es, in einer Höhe über 2500 Metern zu laufen?  TV-Redakteur und Flachland-Läufer Rainer Neubert wollte die Antwort wissen. Er nutzte dazu einen Aufenthalt im Oberengadin in der Schweiz.

Die ungläubigen Worte meines Freundes klingen mir im Ohr, als mich mein Smartphone zur programmierten Zeit aus den Träumen von sonnenüberfluteten  Berggipfeln und tiefen Bergseen zerrt. „Du willst morgen früh tatsächlich hier oben laufen?“, hatte er mich am Abend gefragt.  Soll ich wirklich? Der innere Schweinehund macht sich kurz bemerkbar, hat aber keine Chance. Denn der Blick aus dem Fenster registriert wolkenlos blauen Himmel. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Es ist der Beginn eines Prachttages

Zehn Minuten, zwei Kekse  und zwei Glas Wasser später stehe ich auf der Terrasse des Berghotels Muottas Muragl, das in dieser Nacht meine Unterkunft war. Es ist frisch, um die 10 Grad, windstill. Das Langarmshirt wird als Kälteschutz genügen. Über dem Tal mit seinen Seen liegt noch Frühnebel. Hier auf 2456 Metern Höhe, am Ende der 105 Jahre alten Standseilbahn, ist das kein Thema.

105 Jahre alt: Die Standseilbahn auf den Muottas Moragl.

Ich weiß, welche Tour ich in Angriff nehme. Während der Wanderung gestern und auf der Karte hatte ich mir das angeschaut. Da waren wir zu der 2700 Meter hoch gelegenen und nach dem dort 1899 verstorbenen Maler Giovanni Segantini  benannten Hütte aufgestiegen. Der Weg über die sauber verlegten Steinplatten durch ein mächtiges Geröllfeld ließe sich auch laufen. Susanne Bonaca und Angelo Baggenstos, sie bewirten die Hütte, bekommen dort in der Regel allerdings Besuch von Gästen in schweren Bergstiefeln. Für Läufer ist diese Höhe eine zu große Herausforderung.

Susanne Bonaca hat als Wirtin der Segantinihütte viel zu bieten: leckere Spezialitäten und immer gute Laune.

Von der Segantinihütte 400 Höhenmeter hinunter zur Alp Languard und auf dem Panoramaweg an der Bergflanke entlang zurück zum Muottas Muragl. Das war gestern im zügigen Wandertempo schon reichlich schweißtreibend. Als Laufrunde wäre das allerdings auch mehr als doppelt so lang als das, was ich mir für diesen Morgen vorgenommen habe: Vier Kilometer zum 2713 Meter hoch gelegenen Lej Muragl und wieder zurück. Der höchste Punkt der Strecke liegt auf 2750 Meter, also fast anstrengende 300 Meter höher als mein Ausgangspunkt. Das hat der Blick auf die Wanderkarte verraten.

Aber heute Morgen gibt es kein Kneifen: Auf dem Wanderschild, das den Weg weist, ist zu dem kleinen See eine Wanderzeit von 1,5 Stunden angegeben. Die Lauf-Uhr bleibt aus, soll nicht stören. Nur das Smartphone darf meine morgendliche Heldentat anhand der aufgezeichneten Stelliten-Daten dokumentieren…

Und los geht’s.  „Ich werde gehen, wenn es zu steil wird“, spreche ich mir Mut zu angesichts des Anstiegs, der das Aufwärmen zum Kinderspiel werden lässt. Was macht die Atmung? Geht schnell. Der Puls? Geht schneller. Einen Pulsgurt trage ich auch bei Läufen im Flachland und in den Weinbergen bei Trier nicht.  Hier in den Alpen käme er sicher an seine Belastungsgrenze. Also: Tempo rausnehmen und nicht ans Limit gehen. Apropos. Auf dem zweiten Kilometer wird es einfach zu steil zum Laufen. Flottes Schritttempo also, zumindest zügiges …

Murmeltiere pfeifen hell, huschen von den Hügeln am Hang links. Pfeifen die etwa den seltsamen Typen in schwarzen Laufklamotten aus?  „Warum läufst Du eigentlich im Schatten?“, fragt ich mich mein zweites Ich angesichts der zunehmend vom frühen Sonnenlicht überfluteten Hänge rechts von mir. Die Steine, Felsstufen und Tritte auf dem Weg vor mir liegen noch im Düstern. Endlich steigt der Pfad flacher an. Es geht sogar ein Stück bergab! Der Puls beruhigt sich. Ich wusste doch, dass Laufen auch in dieser Höhe Spaß macht!

Der Lej Moragl am frühen Morgen.

Und da ist endlich  das Blitzen der Sonne, die über den Bergkamm spitzt. Der See liegt vor mir, spiegelglatt reflektiert er die mächtigen Gipfel von Piz Languard und Piz Muragl. Ich bleibe stehen, staune, lausche der Stille. Atemlos. Jetzt nicht mehr nur wegen des Laufens.

Ein Flachlandläufer am Ziel seiner (Tor)Tour.

Natürlich habe ich wie immer meine kleine Kamera dabei. Diese Momente wollen dokumentiert werden … Der Weg zurück ist leicht. Denn was zuvor bergauf so schwer zu bezwingen war, führt nun bergab. Das Tal liegt vor mir. Die Sonne scheint. Welch ein Panorama! „Verliere nur nicht ganz den Blick für den Weg“, warnt meine innere Stimme vor möglicherweise fatalen Fehltritten. O.k. – ab und an lohnt es sich stehenzubleiben. Laufen auf dem Dach der Welt – was für ein Genuss!

Unvergleichliche Lage: Das Berghotel Muottas Morgal.

Nach 80 intensiven Minuten, acht Kilometern und insgesamt jeweils 720 Höhenmetern rauf und runter – auch ein Berglauf kann ganz schön wellig sein – stehe ich wieder auf der Terrasse des Berghotels. Der Nebel im Tal hat sich fast verzogen. „Du hast es tatsächlich getan!“, wird mich gleich mein Freund am Frühstückstisch begrüßen, sobald er mein Dauergrinsen sieht. Ja, ich habe es getan. Es wird nicht mein letzter Lauf in den Bergen gewesen sein.

 

Extra: Muottas Muragl

Der Muottas Muragl ist ein Ausflugsberg in  einer Höhe von 2453 Metern über dem Meer im Oberengadin, Schweiz. Er liegt auf dem Gemeindegebiet von Samedan und bietet einen weiten Ausblick über das Oberengadin mit der Engadiner Seenplatte (Silsersee, Silvaplanersee und St. Moritzsee).

Der Muottas Muragl ist zu Fuß oder mit der Standseilbahn von Punt Muragl (zwischen Samedan und Pontresina) aus erreichbar. Sie hat eine Streckenlänge von 2199 Metern und überwindet 709 Höhenmeter. Sie ist die älteste Bergbahn im Engadin.

Das 2010 komplett erneuerte Romantik Hotel Muottas Muragl wirbt damit, die schönste Aussicht des Oberengadins zu bieten. Quelle: Wikipedia

www.muottasmuragl.ch

Nah am Fall

Einen optischen Appetithappen auf die Engstligenalp gab es ja schon gestern. Dieses vom Wildstrubel-Massiv abgeschlossene Hochplateau bei Adelboden ist ein wunderbarer Ort, um zu Wandern und die Seele baumeln zu lassen.

Um dorthin zu kommen, gibt es diverse Möglichkeiten. Für alle, die nicht mit Hubschrauber oder Fallschirm unterwegs sind bietet sich die Kabinenbahn von Unter dem Birg an. Die 460 Höhenmeter auf die 1964 Meter hoch gelegene Alp lassen sich aber auch prima erwandern, auf teils abenteuerlichen und uralten Steilpfaden. Oder man leiht sich an der Talstation eine Klettersteigset und begibt sich auf die als familientauglich ausgeschriebene Route Chäligang, die nur einen Steinwurf von dem mächtigen Wasserfall entfernt emporführt, der seine Wassermassen beeindruckend in die Tiefe schickt.

Für Familien gibt es das in Kombination mit einer Talfahrt zu einem etwas günstigeren Preis. Mit umgerechnet 92 Euro für zwei Erwachsene und zwei Kinder sollte die Gegenleistung dennoch mit nicht zu wenigen Erlebnispunkten aufwarten. Sie tut es!

20 Minuten bis zum Einstieg. Sohn#1 spuckt große Töne, dass es hoffentlich nicht zu leicht sein wird. Sohn#2 dagegen, sonst die große Sportskanone, ist angesichts der mächtigen Felswand vor uns eher leiser als sonst.

Vor uns rauscht also das Wasser aus gefühlt einem Kilometer Höhe herunter, als wir an einem großen Felsbrocken das korrekte Einklinken mit den beiden Sicherheitkarabinern üben. „Immer schön gegeneinander versetzt, damit nicht aus Versehen einmal beide Sicherungen gelöst werden und der letzte Halt verloren geht“, schärfe ich uns ein. Dann geht’s los. Ab in die Wand.

Da wir alle schon einige Wald-Klettergärten bewältigt haben, ist das Gefühl von Klettergurt und Sicherungsseilen nicht neu. Nur Sohn#2 sieht sich vor neuen Herausforderungen, war er bislang doch maximal in fünf Metern über dem Boden unterwegs.

So zittern ihm auch schon nach wenigen hundert Metern die Knie angesichts der zunehmend schwindelerregenden Höhe, die wir erklimmen. Einige beruhigende Worte und die Zusicherung, dass Papa direkt dahinter bleibt und im Zweifelsfall hilft, lässt die Beine aber wieder fest werden. Und fortan meistert Junior gerade die nicht wenigen etwas schwierigeren Stellen schnell und mit Bravour.

Dafür beginnt dort die Schwächelphase von Sohn#1. Von dem Klettersteig bei Mürren, dem mit der langen Seilbrücke in großer Höhe, ist fortan nicht mehr die Rede. Schwierigekeitsgrad 2 auf der Skala von 1 bis 6 genügt fürs Erste. Wobei einige Passagen tatsächlich mindestens im Bereich drei liegen, vor allem wegen der Nässe auf dem Fels und der wenigen Eisenklammern als Kletterhilfe.

An einigen Stellen klettern wir nur wenige Meter neben dem Wasserfall. Ein Traum, auch wegen des Wetters. Sonne und Wolken, einige Nebelfelder, die um die Gipfel ziehen, verwandeln die Landschaft in eine fast surreale Welt. Vor allem, als wir nach 3 Stunden das Kletterabenteuer überstanden und die Endorphine zum „Gipfelfoto“ freien Lauf haben.

Beim nächsten Mal werden wir im Gasthof mit dem wunderbaren Blick von der Terrasse in das sonnenlichtüberflutete Hochtal übernachten, dort am Abend in das warme Wasser des Jacuzzi steigen und das Alpenglühen über dem idyllischen Hochtal genießen.

Aber das wird dann eine neue Geschichte…

Runter, rauf und noch einmal

Er ist einer der ältesten Marathonläufe überhaupt, habe ich mich belehren lassen. In einer Reihe mit den Legenden Rennsteiglauf und Bienwald- und Schwarzwald-Marathon steht der in Monschau. Die  bereits 36. Auflage sollte auch in diesem Jahr viele Laufverrückte in den landschaftlich grandiosen Teil des Naturparks Eifel locken, der an der Grenze zu Belgien nahtlos in das Hohe Venn übergeht.

Geliebäugelt hatte ich schon länger mit einem Start dort. Nachdem bei meinem ersten Landschaftsmarathon im vergangenen Jahr im Hochwald heftigste Wadenkrämpfe auf den letzten zehn Kilometern den Spaß vertrieben hatten, blieb doch einige Skepsis, als mir eine von meinem Laufcoach Jens überlassene Wildcard praktisch keine Wahl mehr ließ: Ich würde starten, zumal die Formkurve nach der intensiven Vorbereitung auf Hamburg noch nicht so dramatisch in den Keller gerauscht war. Aber würden die vergleichsweise wenigen Läufe im Juni und Juli für einen Kultlauf genügen, der damit wirbt, mit mehr als 800 Höhenmeter auf zu 60 Prozent  Waldwegen die Herzen der Läufer nicht nur höher, sondern auch schneller schlagen zu lassen?

Ein gemeinsamer Trainingslauf beim Lauftreff in Schweich bringt die Entscheidung. „Monschau, eine tolle Sache, da fahren wir auch hin.“ Diese Ansage von Lauf-Urgestein Wolfgang Deutsch und die Zusage, ich könne mich der Gruppe aus Schweich gerne anschließen lassen mir keine Wahl mehr. Monschau, ich komme!

Als ich am Sonntag mein Auto kurz vor 7 Uhr auf den vorletzten Platz der als Parkraum ausgewiesenen Rasenfläche hinter der großen Buchenhecke abstelle, steigen aus dem Van vor mir vier Herren in den roten Jacken des LT Schweich. Fest verabredet hatten wir uns nicht. Und wir waren auch unterschiedliche Umwege durch die Eifel gefahren, die gefühlt zur Hälfte wegen Baustellen  auf seiner wichtigsten Verbindungsstraße gesperrt ist.

Großes Hallo mit Wolfgang, Uli, Heinz und Jobst. Als 50er-Team wollen sie im September den Jungfrau-Marathon finishen. Monschau soll so etwas wie ein Trainingslauf sein. „Wir laufen entspannt“, lautet dann auch die von Wolfgang ausgegebene Devise. „Ist mir recht“, versichere ich. Schließlich wolle ich die Landschaft genießen und keine Krämpfe bekommen.

Zwei mit reichlich Flüssigkeit geschluckte Salztabletten, eine vier Stunden vor dem Start, die zweite um 7.30 Uhr, nach dem Überziehen der Kompressionsstrümpfe und dem Befestigen der Startnummer am inzwischen reichlich ausgeleierten Gummiband. Es ist die „500“, eine schöne Nummer, wie mir bei der Übergabe auch die nette Dame vom TV Konzen versichert hat. Das schwarze Funktionsshirt mit dem Monschau-Branding bekomme ich auch noch. Dafür stehe ich gerne einmal für Jens‘ Team GetFit auf der Ergebnisliste. Hoffentlich.

Um 7.50 Uhr setzt sich der Läufertross in Bewegung. Zunächst im Schritttempo, denn in Monschau, genauer im Stadtteil Konzen hat es Tradition, dass die Teilnehmer gemeinsam von der Ortsmitte zum Start gehen. Knapp 200 Männer und Frauen haben das bereits zwei Stunden früher hinter sich gebracht. Es sind jene Furchtlosen, die in diesem Jahr den zum ersten Mal ausgerichteten Ultralauf über 56 Kilometer bestehen wollen.

Am Start treffe ich auch die zwischenzeitlich verlorenen Schweicher wieder. Wolfgang ist mit seinen knapp zwei Metern Körpergröße zum Glück schwer zu übersehen. „Da kommen die letzten vier Ultraläufer von ihrer Zwölf-Kilometer-Schleife“, kündigt der angesichts des Prachtwetters gut gelaunte Sprecher am Mikrophon an. Sonne, kurz vor 7 Uhr ebenso viele Plusgrade. Weder Schwüle noch zu große Hitze wird heute ein Problem sein.  Dann geht es los.

In gemächlichem Tempo trabt das Hauptfeld los, in das wir uns eingereiht haben. 507 Marathonläufer werden am Ende das Ziel erreicht haben, 424 Männer und 83 Frauen. Zudem sind sage und schreibe 98  Staffeln am Start. Weit mehr als 1200 Sportler werden diesen Sonntag also in bleibender Erinnerung behalten.

Zunächst geht es steil hinunter auf einem schmalen Pfad in Richtung Monschau. „Hier war es vergangenes Jahr verdammt glatt“, weiß Wolfgang.  „Da hat es die ganze Zeit geregnet.“

Rutschig ist heute nichts, aber Vorsicht ist dennoch angesichts der unebenen Strecke geboten. Mein langer Laufpartner erkennt einen Bekannten aus Köln. Er will an diesem Tag seinen 60. Marathon bewältigen. „In 4:17 Stunden, die Zeit fehlt mir noch“, erzählt er und deutet auf sein Shirt, auf dem er mit Edding die 59 Endzeiten seiner bisherigen Läufe fein säuberlich notiert hat. Die erste Zahl lautet 3:06 Stunden. Ok, denke ich, der kann also auch deutlich schneller.Bei diesem Tempo bleibt in dem beschaulichen Städtchen Monschau genügend Zeit, die schönen Häuser zu betrachten. Eine Burg gibt es hier. Und spätestens seit auch ein Eifelkrimi von Jaques Berndorf Mord und Totschlag in die 1700-Einwohner-Gemeinde brachte, ist das Städtchen an der Rur auch über die Region hinaus berühmt.

An dem erfrischend plätschernden Flüsschen entlang geht es bis zur idyllisch gelegenen Kluckbachbrücke, wo der erste von zahlreichen Verpflegungsstellen mit allerlei Stärkungen in flüssiger und fester Form wartet.  „So eine Schweinerei!“ empört sich eine Läuferin, als der Mann vor ihr den leeren Plastikbecher von der Brücke in hohem Bogen in den Flusswirft, wo er sich einigen munter auf den Wellen schaukelnden Artgenossen anschließt. Recht hat sie!

Die Erfrischung kam zum richtigen Zeitpunkt, die Erleichterung auch, denn nun geht es zum ersten Mal steiler bergauf. Aus den Augenwinkeln glaubte ich die anderen Schweicher zu erkennen, als sie an uns vorbeiliefen. Ein toller Pfad in herrlicher Umgebung. Ich lasse Wolfgang beim zügigen Berglauf den Vortritt und sehe seinen Fehltritt. Autsch! Umgeknickt. Aber nach Schrecksekunde und zwei Dutzend vorsichtiger Schritte gibt er Entwarnung: „Glück gehabt, da  ist nichts passiert“, und erzählt von seiner schweren Verletzung am anderen Fuß im vergangenen Jahr. „Da ist die Sehne wieder zusammengewachsen. Die reißt nicht mehr…“

Als wir an der Köhlerklause vorbeikommen, einer schönen Campier- und Rastmöglichkeit für Naturliebhaber, muss ich eingestehen, dass ich mich mit den Laufkollegen aus Schweich wohl vertan habe. Und in der Tat werden wir sie erst wieder nach dem Zieleinlauf sehen. Aber es wird heute nicht die letzte Verwechslung gewesen sein.

Bei Kilometer zehn laufen wir durch ein Dorf. „Wo sind wir hier?“, rufe ich einem Zuschauer zu. „Na im wunderschönen Widdau“, kommt die Antwort. Dort, wo die Staffeln erstmals wechseln. Wieder gibt es Verpflegung, von freundlichen Menschen gereicht, wie überall an der Strecke. In jedem Ort feuern die Einheimischen uns Läufer an, bieten Getränke, Riegel, Obst. Sie haben Plakate gemalt, erwidern jeden Gruß, haben aufbauende Sprüche für alle, die scheinbar oder tatsächlich in einer Schwächephase stecken.

Die haben fast alle beim zwei Kilometer langen Anstieg im Hölderbachtal. Hier wird auch niemand schief angeschaut, wenn er einige Meter geht – was für mich allerdings nicht in Frage kommt – noch nicht.

Und so geht es weiter: mal rauch, mal runter, dazwischen immer wieder flach entlang. Im Wald, auf Wiesenwegen. Die Kühe am Rande haben sich ebenso wie die Läufer zu Rudeln geschart. Auf der Höhe zum Brather Hof bläst der Wind kräftig. Die mächtigen Rotoren, die hier Energie gewinnen, stehen an der richtigen Stelle. Kurz nach Überquerung der B258 ist die erste Hälfte geschafft. Und wieder machen am Übergabepunkt der Staffeln die Menschen den Weg zu einer schmalen Gasse der Motivation.

Zwei Stunden und drei Minuten zeigt die Uhr an. „Jetzt laufen wir etwas zügiger“, schlägt mein Partner vor. „Unter vier Stunden will ich schon ins Ziel kommen.“ Ich habe keine Einwände, zumal es nun erst einmal längere Zeit eher bergab geht. „4:20“, gebe ich nach einem Kilometer das aktuelle Tempo weiter. Die zuvor lebhafte Unterhaltung stockt nun etwas. Vor allem wenn es den Berg hinunter geht, ist Walter mit seinen langen Beinen klar im Vorteil. Ich muss gefühlt mindestens doppelt so viele Schritte machen wie er. „Läufst Du jetzt auf drei Stunden 30?“, frage ich etwas stockend. „Oh, Du hast recht, wir müssen etwas Tempo herausnehmen“, kommt zur Antwort. „Wenn man die Leute überholt, ist es irgendwie wie ein Rausch, da muss man aufpassen“, spricht’s und läuft fortan nur noch 4:30 Minuten/Kilometer.

Ich lasse es locker bergab laufen und merke bald, dass ich am Berg relativ leicht wieder aufschließen kann. Wir überholen die Tempoläufer für 4:00 Stunden. Der Untergrund wechselt nun auf Asphalt. Das kommt dem Tempo entgegen.

Bei Kilometer 29 ist Kalterherberg erreicht. Ein Straßendorf von außergewöhnlicher Länge. 2400 Menschen leben hier. Die meisten haben sich heute wohl vor der großen neugotischen Dorfkirche mit dem Doppelturm versammelt, die eher einem Dom gleicht. Hier stehen sie Spalier für den dritten Staffelwechsel. Die anderen haben sich davor und dahinter auf mehreren hundert Metern verteilt, jeder Zweite mit einem  Bauchladen voller Energieriegel, Obst und Getränke. Ich greife zu und verschlucke mich prompt mächtig, weil ich so viel Kohlensäure nicht erwartet hatte.

Egal. Die Stimmung ist prächtig, als wir uns nach links in die Hecken schlagen. Wir laufen nun in unmittelbarer Nähe zur Grenze nach Belgien. Hier heißt die Eifel Hohes Venn. Eine idyllische Landschaft. Der kleine Fluss am Wegesrand ist wieder die Rur. Unter dem Viadukt der ehemaligen Vennbahn hindurch beginnt bei dem geschlossen wirkenden Gasthaus Leyloch ein langer Anstieg auf Asphalt. „Vor einem Jahr hat uns hier der Wirt mit warmen Getränken begrüßt“, erzählt Wolfgang. Vielleicht ist es ja derselbe Mann, der nun hinter dem Haus auf dem geschnittenen Stammholz sitzt und uns freundlich zuwinkt. Wir freuen uns derweil, dass die Distanz unserer Reststrecke nur noch der einer kürzeren Trainingseinheit entspricht.

Die Strecke auf der Straße, mit ihren langgezogenen Kurven, Anstiegen und Gefällen erinnert mich sehr an einen anderen Lauf in der Eifel: den Nürburgringlauf. Auch in Monschau hat diese Passage zwischen Kilometer 34 und 38 etwas von „grüner Hölle“. Die Beine sind nun ordentlich schwer. Ein leichtes Ziehen in den Oberschenkeln. Die Waden machen keine Probleme, registriere ich beruhigt. Der berüchtigte Hammermann, der einem angeblich mit einem Schlag alle verbleibenden Kräfte raubt, ist aber nicht zu sehen. Vielleicht verhindern dies auch die begeisterten Menschen in Mützenich, die über der Strecke ein großes Zelt errichtet haben, durch das die Läufer hindurch müssen, nicht ohne es ohne Stärkung verlassen zu haben. „Keine Sorge, einer ist noch hinter Dir!“, ist auf einem Plakat zu lesen. Ich muss schmunzeln. Die meisten Läufer werden diese Ironie wohl verkraften.

Am Ende komme noch ein Anstieg an dem sich zeige, wer noch Körner habe. So hatte mein erfahrener Mehrfach-Monschau-Finisher gewarnt. Na gut, denke ich mir, dann lasse ich es bis dahin eben laufen. Zumal es wieder bergab geht. Wolfgang bleibt nun etwas zurück. Aber ich werde auf ihn warten.

Dann biegen wir von der Straße wieder links auf einen schönen Naturpfad ab – und da ist er, der berüchtigte Schlussanstieg nach Konzen. Ich nehme Tempo heraus und meinen Partner im Ärmellosen roten Shirt wahr. Er läuft nur 50 Meter hinter mir. Der Kirchturm des Ortes kommt in Sicht, die Stimme des Sprechers zu hören. Wie beim Start versprochen, begrüßt er offenbar jeden einzelnen Läufer mit dem Namen.

Wo ist Wolfgang? Ich nehme nochmal Tempo heraus, trabe, sehe das Ziel, gebe ihm einen ermutigenden Wink, lasse ihn herankommen. Hand in Hand laufen wir unter dem Zielbogen hindurch, erhalten unsere Medaillen. Ich blicke strahlend auf, sehe den Mann, der sich herzlich dafür bedankt, dass ich ihn am Berg so hochgezogen habe. Dann erkenne ich Wolfgang. Er kommt jetzt ins Ziel. Wir klatschen uns ab. „Ich habe auf dem letzten Gefälle meinen Ischias gespürt und musste Tempo herausnehmen“, sagt er und versichert, dass er mir nicht böse ist, weil ich nicht gewartet habe. Ich versuche ihm das mit der Verwechslung zu erklären. Egal. Wir sind beide glücklich. 3:48:10 Stunden wird meine offizielle Nettozeit sein. Wolfgang ist nur fünf Sekunden langsamer.

Mit Obst, Cola und Tee warten wir auf die drei anderen Schweicher. Der Jungfrau-Marathon wird für sie sicher kein großes Problem. Vielleicht, nein, bestimmt laufe ich den irgendwann auch einmal.

Ergebnisse:

  1. Männer:             Markus Werker (TV Konzen)                     2:38:57
  2. Frauen:               Christina Ortmanns (Team coolart)         3:23:49

Läufer aus der Region Trier:

Rainer Neubert (Team getFit)           3:48:10

Wolfgang Deutsch (LT Schweich)     3:48:15

Uli Schabio (LT Schweich)                    3:58:52

Heinz Grundheber (LT Schweich)    4:00:28

Jobst Scherler (LT Schweich)             4:35:28

Thomas König (LT Mertesdorf)         6:20:50

Das Laktat muss raus. Am Tag danach tut’s zwar weh. Es hilft aber.

 

Salzgurken, gelbe Bändchen und Bestzeiten

Hier der versprochene Bericht vom Stockholm Marathon 2011:

Vor dem Startschuss

Brrrr – sind die salzig! Von den eingelegten Gurken, die beim Stockholm-Marathon gereicht werden, hatte ich schon viel gehört. Wie könnte ich dieses ungewöhnliche kulinarische Angebot ausschlagen?

Kilometer 21 liegt einige Minuten zurück. Die Hälfte der Gesamtdistanz ist also geschafft, als wir am höchsten Gebäude Stockholms vorbeilaufen. Der 155 Meter hohe Fernsehturm Kaknastornet mitten in den ausgedehnten Wiesen des Ladugardsgarten ist allerdings auch das hässlichste Gebäude der schwedischen Hauptstadt. So hässlich, dass die Salzgurken willkommene Ablenkung sind. Wenn da nur nicht der Geschmack wäre… Gut, dass der nächste Wasserstand nicht weit ist.

Fünf Freunde

Wir, das sind fünf Freunde vom Lauftreff des SV Olewig, die seit Monaten samstags Kilometer gesammelt haben, um bei der 33. Auflage des Stockholm-Marathons eine gute Figur machen zu können. Hunderte Kilometer sind dabei zusammengekommen. Es wäre eine interessante Zahl, die Trainingsdistanzen aller 16131 Läufer zu addieren, die sich an diesem windigen 28. Mai 2011 auf den weg gemacht haben. 15471 werden das Ziel erreichen. Aber bis es soweit ist, liegt der schwierigste Teil der Strecke noch vor ihnen – und vor uns.

So hilft es nur bedingt, dass der Tempomacher neben uns locker erzählt, dass er vor Kurzem ein Rennen über 189 Kilometer gefinisht hat. „Da musst du ständig essen, sonst fällst du spätestens nach sechs Stunden um“, plaudert er entspannt, während die Mehrzahl seiner Begleiter sich gerne auf das Zuhören beschränken. Das rote Fähnchen an dem ein Meter langen Stock, der aus seinem Rucksack ragt, trägt die Zahl 3:30. Drei Stunden und 30 Minuten – das ist das Zeitlimit, das sich wir drei schnelleren unseres Fünferteams zum ambitionierten Ziel gesetzt haben. Unsere Handgelenke zieren gelbe Bändchen, auf denen die dafür notwendigen Zwischenzeiten für jeden Kilometer notiert sind. 4:58 Minuten pro Kilometer. Die sind wir im Training oft und locker gelaufen. Aber das gleich 42,195-mal?

„Meinst du wirklich, wir schaffen das?“ Christoph, unser Lauftreffchef, war skeptisch, zumal er in der vielleicht wichtigsten Trainingsphase zwei Wochen wegen einer Erkältung aussetzen musste. Ich hatte ihn ebenso überredet wie Marcel. Der ist mit 35 Jahren zwar der ultrafitte Jungspund unserer Truppe. Marathonerfahrung hat er allerdings noch keine.

Laufstudie mit Christoph und Marcel

Viele der unzähligen Sehenswürdigkeiten können wir während dieses Laufs bewundern, sofern wir dafür noch aufnahmefähig sind. Und so ist es gar nicht schlecht, dass die 16 Kilometer, die durch bebautes Stadtgebiet führen, zweimal durchlaufen werden. Zumindest auf der ersten Runde hat der Körper noch nicht auf Tunnelblick umgestellt. Da nehme ich die Prachtstraße Strandvägen (Kilometer 4 und 29) mit seinen herrlichen klassizistischen Gebäuden ebenso wahr wie das königliche Schloss (5/30) und die Tausenden Zuschauer, die hier und an vielen anderen Stellen auf die Läufer warten. Euphorisch jubeln die Schweden zwar nicht. Dafür sorgen aber die Gäste aus Finnland, das vor Deutschland die größte Gruppe ausländischer Läufer stellt.

An der Schleuse (Slussen) geht es hinüber in den trendigen Stadtteil Södermalm (7/32), der spätestens seit der Millenium-Trilogie von Stieg Larsson weltbekannt ist. In der „Mellqvist Kaffebar“, dem Lieblingscafe des viel zu früh gestorbenen Schriftstellers werden wir am Tag nach dem Lauf entspannt eine Stärkung genießen. Nur einen Steinwurf davon entfernt – in der Bellmansgatan, steht das Wohnhaus der Millienium-Hauptfigur, Mikael Blomkvist.

Lieblingskaffee von Stieg Larsson

Bellmansgatan No. 1

Heute aber schweift mein Blick immer wieder zu meiner Laufuhr und dann auf das gelbe Band am rechten Handgelenk. „Wir sind gut dabei, drei Minuten unter der Sollzeit“, mache ich mir und meinen Mitstreitern Mut, die wir – zunehmend starren Blicks – längst in diesen besonderen Zustand mutiert sind, in dem die Beine das Denken übernehmen. Nachdem wir angesichts der sehr angenehmen 14 Grad zunächst nur jeden zweiten Verpflegungsstand angesteuert hatten, freuen wir uns nun über jeden Becher Wasser, über Bananen, Kraftriegel und Boullion-Suppe, die gereicht werden.

Auf der Brücke Västerbron

Kilometer 30. Wieder ein Stand, das Gedränge ist längst nicht mehr so diszipliniert wie auf der ersten Hälfte der Strecke. Christoph ist weg! „Marcell, ‘bisschen langsamer, sonst kommt der nicht mehr ‘ran“, bremse ich etwas. Aber unser Freund taucht nicht wieder auf. Er hat den „Mann mit dem Hammer“ getroffen, werden wir später erfahren. „Ab Kilometer 32 ging einfach nichts mehr“, wird er dann etwas übertreiben. Denn mit 3:32:30 Stunden verbessert er seine persönliche Bestzeit noch immer um mehr als 6 Minuten.

Auf Marcell und mich wartet derweil der Anstieg zur angeblich gefürchteten Västerbron (8/33) auf uns. Die etwa 1000 Meter lange Brücke mit prächtigem Ausblick auf die Stadt markiert den größten Höhenunterschied auf der immer wieder durch kleinere Rampen durchsetzten Strecke. Dass sie nur schwer mit der Autobahn des Berlin-Marathons verglichen werden kann, zeigt auch die Siegerzeit zeigen. Mit 2:14:07 Stunden ist der Äthiopier Shumi Gerbaba nahezu zehn Minuten langsamer sein als die Sieger der vergangenen Jahre in Deutschlands Hauptstadt. Für Normalsterbliche liegen solche Zeiten allerdings jenseits von gut und böse.

Das Stadthaus (11/36) ist zum zweiten Mal erreicht. Blick auf meine Garmin: 2:51:13 – danach auf das gelbe Bändchen: 2:53:50. Noch mehr als zwei Minuten unter Soll. Aber warum läuft Marcell jetzt so schnell? Klar. Vor uns läuft wieder so ein 3:30-Tempomacher. Aber der gehört doch zu dem vor uns gestarteten Block!!!

„Wie viel haben wir noch?“, fragt mein leichtfüßiger Partner und quittiert die Antwort mit einem endorphingeschwängerten Blick, als wäre er schon im Ziel. „Nur noch sieben? Die schaffe ich!“ Spricht’s und legt nochmal Tempo zu. „Muss das sein?“, meldet sich das Teufelchen auf meiner linken Schulter. „Versuch’s doch!“, lächelt das Engelchen auf der rechten angestrengt.

Also gut. Auch an diesem Tempoläufer vorbei. Die lange Gerade der Odengatan (14/39) scheint unendlich. Jetzt nehme auch ich den Weg durch den Wasservorhang der zur Kühlung aufgestellten Duschen. „Marcell, langsamer!“, könnte ich rufen, habe dazu aber keine Luft mehr. Aber diese Blöße würde ich mir eh nicht geben.

Zunehmend verliert sich das schwarze Shirt mit der Aufschrift des SV Olewig zwischen den Läufern vor mir. Rechts ab in die Svaevägan. Ist das ein Anstieg? Meine Beine spüren nichts mehr. Kilometer 41. Das Stadion! 4:30 zeigt meine Garmin als Tempo an. Fühlt sich mehr nach 6:30 an. Gleich ist es geschafft! Links ab, dann rechts, nochmal rechts ins Stadion. Die Massen brechen in Jubel aus, als ich leichtfüßig auf der schön roten Tartanbahn dem blauen Zielbogen entgegen schwebe…

Na gut. Die letzten 300 Meter in dem schönen Rund lassen Zeit für Tagträume. Noch ein Spurt? Nein! Genießen und ruhig auslaufen. Zeit gestoppt: 3:24:20 zeigt meine Garmin an. Wow! Abklatschen mit Marcel. Medaille annehmen. Nach innen hören. Krämpfe? Nein! Die Welt ist schön!!!

So sehen Sieger aus!

Wie sich herausstellt, ist meine Uhr die letzten beiden Kilometer vermutlich mit Marcel gelaufen. Denn die 24 Sekunden mehr, die offiziell für mich auf der Ergebnisliste notiert sind, hat er mir auf diesem Schlussstück abgenommen.

Eine Stunde später ist unsere Truppe wieder beisammen: Christoph hat sich von der ersten Bekanntschaft mit dem Hammermann wieder erholt. Achim gewinnt langsam wieder an Farbe und bekommt die Wadenkrämpfe in Griff.

Finisher: Jürgen und Achim

Und Jürgen zeigt das breiteste Grinsen überhaupt. Sein gelbes Bändchen ist mit der Zielzeit 4:00:00 bedruckt. 9 Sekunden ist er darunter geblieben. „Nach dem Ziel habe ich mich erst einmal übergeben“, berichtet er und strahlt dabei von einem Ohr zum anderen. Jetzt beginnt der entspannte Teil unseres Stockholm-Tripps.

Laufen macht glücklich

Super, super, super! Wie meine Kollegin Katharina Hammermann ihre Selbsterfahrungen zum Thema Laufen und Vorbereitung auf den Trierer Stadtlauf schildert, ist ein journalistisches Glanzstück. Sehr witzig und unterhaltsam. Und auch noch wahr!

Also: Wochenendjournal des Trierischen Volksfreunds lesen!

Oder hier:

Laufen macht glücklich

Der TV bewegt“ eine Redakteurin, die nie vorhatte, beim Stadtlauf zu starten – Ein Selbsttest

Nichts könnte schlimmer sein als Public Jogging, dachte sich TV-Redakteurin Katharina Hammermann, ehe sie überredet wurde, sich im Rahmen von „der TV bewegt“ auf den Trierer Stadtlauf vorzubereiten. Seitdem hat sie erstaunliche Erkenntnisse erworben.

Flapp, patsch, flatsch machen die Füße auf dem Waldboden. Und aus ist der Traum vom elegant schwerelosen Dahingleiten. Denn „Anfersen“ geht gar nicht. Wie so vieles andere, von dem ich immer dachte, es würde zum Jogging gehören wie Glückshormone zu frisch Verliebten oder blaue Flecken zu Rugbyspielern.
Doch Jens Nagel hat damit aufgeräumt. Damit und mit anderen fehlerhaften Vorstellungen, die ich vom Laufen hatte. Jens ist 33, professioneller Lauftrainer, sieht auch so aus und hat eine Aufgabe: Er soll rund 20 Anfänger in nur drei Monaten fit ?machen für den Trierer Stadtlauf. Es ist eine wild gemischte Gruppe aus TV-Lesern und TV-Mitarbeitern, Männern und Frauen, Jüngeren und Ältern, Dickeren und Dünneren, aus Leuten, die schon immer mal vor jubelndem Publikum laufen wollten, und anderen. Wie mir.
Was könnte schlimmer sein als Public Jogging?! In Erwartung des Seitenstechens mit hüpfenden Brüsten öffentlich schwitzen. Nö! Bis vor kurzem war dieser Anblick daher etwa sieben Rehen, drei Karnickeln und einem Wildschwein vorbehalten.
Inzwischen sind zwei Esel, ziemlich viele Schafe, Hirsche, Mufflons und Menschen dazugekommen. Denn ich war schwach und habe mich breitschlagen lassen. Und breche seitdem (fast) jeden Mittwochabend an den Tiergehegen im Weißhauswald zu zunehmend länger werdenden Exkursionen auf, bei denen ich schon viel Erstaunliches gelernt habe:

Füße müssen flatschen. Zumindest bei Anfängern, die an dem wenig eleganten Geräusch erkennen können, ob sie es richtig machen. Denn flatschende Füße kommen flach auf. Und flach ist gut. Viel besser jedenfalls, als mit der Ferse aufzukommen, die nur unnötig die Laufbewegung bremst.
<karo_sw>Erstaunlich, wenn auch nicht hilfreich, ist diese Erkenntnis: Man kriegt den rechten Arm nur mit größter Willensstärke dazu, sich gleichzeitig mit dem rechten Bein nach vorne zu bewegen. Er will nach hinten, sobald das Bein nach vorne schwingt – und das ist auch gut so. Denn alles andere wäre hinderlich und würde Zuschauer verwirren.

Apropos Arme. Da kann man viel falsch machen. Die dürfen nicht rumschlabbern. Auch nicht von rechts nach links schaukeln oder nach vorne und hinten lang gestreckt werden. Überhaupt haben sie vor dem Körper nix verloren. Sie gehören eng an die Seite, der Ellbogen ist angewinkelt und bewegt sich so weit nach hinten, dass zwischen Rücken, Oberarm und Unterarm ein Dreieck entsteht, durch das man durchgucken kann. Was man natürlich nicht tut. Denn die Augen blicken ja vielmehr frohgemut geradeaus, wo sie bald schon jubelnde Zuschauer erblicken. Oje.

Mein Körper ist ein Maschinchen. Um was rauszuholen, muss ich was reintun. Zum Beispiel eine Banane. Die soll, etwa eine halbe Stunde vor dem Training genossen, für Wunder sorgen. Ich habe es noch nicht ausprobiert. Glaube Jens aber. Und fand es sehr nett, als er neulich sagte, dass mein Seitenstechen auch von zu wenig Essen kommen könne.

Was es mit der anaeroben Glykolyse aus einem der Theorieteile auf sich hatte, habe ich wieder vergessen. Anders als das schöne Wort Superkompensation, das einen interessanten Effekt beschreibt: Wer trainiert, wird fitter, weil der Körper sich denkt: O Mann, das war anstrengend! Wenn die das nochmal von mir will, dann muss ich besser vorbereitet sein. Und während ich nix mache, erhebt sich mein ruhender Körper auf ein neues Leistungsniveau. Den Gedanken finde ich sehr schön. Nur leider hat die Sache Tücken. Denn: Wenn ich danach zu lange nicht trainiere, ist meine schöne Fitness wieder futsch. Ich fürchte, darin hat sie schon Übung. Sollte ich hingegen zu schnell hintereinander trainieren, würde ich sogar unter mein ursprüngliches Leistungsniveau absinken. Das ist jedoch sehr unwahrscheinlich. Für alle, die es richtig machen wollen: Jens sagt, Anfänger sollten nach einem Training 48 bis 72 Stunden Pause einlegen.

Beim Laufen kann man tatsächlich quatschen, ohne keuchen zu müssen. Einfach so. Über die Liebe und das Leben, all die schönen Dinge, die Arbeit beim Volksfreund, Seitenstechen und überhaupt … es läuft viel besser als gedacht. Mit Menschen zu laufen ist tatsächlich gar nicht so schlimm. Vielleicht, weil man nicht ständig an hüpfende Brüste denken muss oder sich selbst und die kreuzenden Rehe fragt, was man mit diesen hässlichen blau-weißen Turnschuhen im Wald zu suchen hat. Und damit nähern wir uns der erstaunlichsten Erkenntnis.

Verliebt sein ist schön. Aber Glückshormone kann man auch einfacher haben. Denn die Mär von der durch Laufen ausgelösten plötzlichen Ausschüttung glücksbringender Botenstoffe scheint tatsächlich zu stimmen. Schon während des Trainings musste ich wider Willen feststellen, dass ich Spaß habe. Und danach mussten meine Mitmenschen feststellen, dass ich ganz grässlich gut gelaunt sein kann. Das führte zu schönen Abenden, in deren Verlauf ich erstaunt erfahren habe, dass ungefähr jeder zweite meiner Bekannten selbst beim Stadtlauf antritt oder zumindest plant, jubelnd am Rande zu stehen, wenn wir öffentlich schwitzen. Oje, ich freu mich drauf.

?Katharina Hammermann